Es gibt ein wunderbares Buch der Niederländerin Elise de Rijck: „Die Bucket List für Großeltern – 250 Dinge, die man mit seinen Enkelkindern erlebt haben muss“ (Plaza Verlag; 9,99 Euro). Darin wird ein Maiskolbenwettknabbern vorgeschlagen, die Veranstaltung eines Teekränzchens mit mindestens 33 Kuscheltieren als Gästen, und ein Katapult sollte man auch bauen – mit dem man ganz weit schießt. Listen-Punkt 158: „Ohne Hände essen“, nur mit dem Mund oder der Nase, „denn Mama und Papa mögen das nicht“. Mit diesem Punkt ist ziemlich genau eingekreist, was Kinder am glücklichsten macht und Eltern weniger glücklich: dass die Kinder bei Oma und Opa oft Dinge tun dürfen, die zuhause tabu sind.
Mit Socken duschen, Süßigkeiten futtern, keine Hausaufgaben machen und ein Open-Air-Kino im Garten veranstalten? Super! Die Zeit bei Oma und Opa macht einfach Spaß. Bei den Großeltern werden Enkel oft verwöhnt, es gelten weniger Regeln oder eben andere Regeln. Das macht Oma und Opa natürlich beliebt. Und das war auch schon immer so!
Allerdings werden die Großeltern von heute viel häufiger für die Kinderbetreuung eingespannt. In einer Zeit, in der oft beide Elternteile arbeiten, haben inzwischen 75 Prozent der Großeltern einmal die Woche Kontakt zu ihren Enkeln, egal ob im Kleinkind- oder im Teenageralter. Selbst bei Enkeln zwischen 16 und 27 Jahren gilt das noch für 40 Prozent aller Großeltern. Zwei Drittel aller Eltern setzen Oma und Opa zumindest sporadisch als Babysitter ein; vier von zehn Kindern bis 16 Jahre trennt höchstens eine Viertelstunde Fußweg von Oma und Opa. All das bedeutet im Umkehrschluss: Heute erziehen Großeltern die Kinder viel mehr mit als noch vor Jahrzehnten, wo meist die Mutter daheim war.
Zudem steigt ja auch die Zahl der Alleinerziehenden – wodurch Großeltern als Bezugs- und Erziehungspersonen wichtiger werden denn je. Dazu kommt, dass Oma und Opa inzwischen deutlich fitter, aktiver und unternehmungslustiger sind als einst. Will heißen: Es sind viel mehr aufregende Ausflüge für die Enkel drin – die möglicherweise auch nach Grenzen verlangen. Aber: Wie viele Grenzen sollen, dürfen und müssen Großeltern ihren Enkeln setzen?
Es ist ein Balanceakt. Sollen Oma und Opa miterziehen und sich an den Regeln der Eltern orientieren? Oder dürfen Großeltern eigene Regeln etablieren – und weniger streng sein als die Eltern? „Ja“, sagt Axel Conrad, Diplompädagoge und Buchautor von „Regeln, Grenzen, Konsequenzen“ (Cornelsen Verlag; 7,99 Euro). „Bei Großeltern dürfen andere Regeln gelten. Sie dürfen entspannter sein – das tut den Kindern gut.“ Entscheidend sei aber, aus welchem Grund die Großeltern lockerer sind.
Wenn sie aus Liebe die Kinder verwöhnen – wunderbar! Wenn sie allerdings versuchen, die besseren Eltern zu sein und dadurch offene Rechnungen mit ihren erwachsenen Kindern begleichen wollen – schwierig! Die Beziehungsebene ist hier entscheidend. Denn: Wenn Großeltern und ihre eigenen Kinder ein gutes Verhältnis haben und Probleme aus der Vergangenheit geklärt seien, würden Enkel auch nicht so stark verwöhnt, für jede Kleinigkeit gelobt und mit Geschenken überfrachtet.
Ein häufiger Streitpunkt zwischen Eltern und Großeltern ist übrigens: Wie viel Süßes dürfen die Enkel essen? Experte Conrad formuliert es so: „Wenn der Zuckerverzicht in der Familie des Kindes ein wichtiger Wert ist, dann müssen sich die Großeltern daran halten.“ Sonst hängt bald der Familienfrieden sehr schief.
Dennoch: Kinder verstehen und akzeptieren, wenn in unterschiedlichen Häusern unterschiedliche Regeln gelten. Während man früher in der Pädagogik lehrte, dass Erziehungsberechtigte sich immer einig sein sollten, gilt das heute als überholt. „Die Unterschiedlichkeit tut Kindern gut. Sie können sehr wohl damit leben, dass zwei Kulturen nebeneinander existieren. Und beide sind in Ordnung.“
Im Gegensatz zu den Großeltern, die ihre Enkel großzügig verwöhnen, gibt es natürlich auch die ältere Generation, die eher dazu neigt, zu streng zu sein. Die Gehorsamshaltung – der Erwachsene bestimmt, das Kind beugt sich – sei aus pädagogischer Sicht jedoch veraltet, sagt Experte Conrad und rät dazu, dass Großeltern, aber auch Eltern, auf sogenannte „Du-Botschaften“ verzichten. Hier sei allein schon die Sprache verletzend. Sätze wie „Wegen dir bin ich sauer!“ und „du bist schuld, dass…“ sollte man aus seinem Wortschatz streichen. Conrad bezeichnet sie als „Grenzverletzung“.
Trotzdem sollten Großeltern ihren Enkeln Grenzen setzen. Bekämen Kinder nämlich keine Grenzen gesetzt, sagt Conrad, entstehe ein „Machtvakuum“, das die Kleinen zu gern mit auffälligem und aufmüpfigem Verhalten füllen. Kinder brauchen also persönliche Grenzen – auch bei Oma und Opa.
Es sei allerdings falsch, dem Kind den Satz „Ich will“ abzutrainieren. „Es ist gut, wenn ein Kind seine persönlichen Wünsche und Grenzen formulieren kann“, sagt Conrad. Ein Kind sollte wissen, was es will, was es nicht will und in welchem Zustand es sich befindet. Und: Wenn ein Kind sich widersetze, solle man es nicht gleich bestrafen – in 90 Prozent der Fälle kooperierten die Enkelkinder. Sie wollen ja auch keinen Streit! Schon gar nicht mit Oma und Opa.