Eine Torte mit langer Geschichte

von Redaktion

Manche Torten verführen durch ihr Aussehen – und schmecken enttäuschend. Pankratia Holl aus Peiting (Landkreis Weilheim Schongau) geht mit ihrer Mandel-Baiser-Torte den umgekehrten Weg. Und hat damit unschlagbaren Erfolg.

VON ANGELIKA MAYR

Eine Schönheit ist die Mandel-Baiser-Torte von Pankratia Holl nicht. Wirklich nicht. Das gibt die 75-Jährige offen zu. „Aber probieren Sie doch ein Stück“, sagt sie und lacht herausfordernd. Kein Wunder, ist sie sich doch der Wirkung des Gebäcks bewusst. In all den Jahren konnte die Peitingerin mit ihrer überdimensionalen „Mokka-Praline“, wie sie die Torte nennt, noch jeden verführen. Mit einer Ausnahme. Doch dazu später.

Im gesamten Umland von Peiting (Landkreis Weilheim-Schongau) ist die Hobbybäckerin für ihre Mandel-Baiser-Torte bekannt. Stehen offizielle Feierlichkeiten jedweder Art an, wird die 75-Jährige gebeten, „ihre“ Torte zu backen. So war es beispielsweise auch beim Jubiläum der örtlichen Frauenunion. Jeder sollte etwas zum Essen mitbringen. „Und da haben alle nach meiner Torte gerufen: ,Du machst dein Baiser‘“. Solche Momente erfüllen Pankratia Holl mit Stolz.

Auch deswegen musste das Rezept unbedingt in das Buch „Alle lieben Omas Kuchen, das die „Hauswirtschafterei“ jüngst herausgebracht hat.

Pankratia Holl und ihre Torte haben eine lange Geschichte: Als sie noch ein Lehrling für Ländliche Hauswirtschaft war, wurde einmal auf dem Gut Gossenhofen in Weilheim Kaffee und Kuchen für alle serviert. Mit dabei: diese ganz spezielle Torte. Die junge Frau probierte ein Stück – und war hin und weg. „Ich machte mich auf die Suche nach dem Rezept und wurde in einem uralten Backbuch fündig.“

Jahrzehnte ist das her. Seitdem hat die heute 75-Jährige „gefühlt Tausende dieser Torten gebacken“. Mittlerweile werden es weniger. Ihre fünf Kinder sind längst aus dem Haus, im März vergangenen Jahres starb ihr Mann Johann. Fünf Jahre lang hatte sie ihn gepflegt. „Das habe ich gerne gemacht“, sagt Holl. „Ich war dankbar für alles, was er mir ermöglicht hat.“ So kümmerte er sich beispielsweise um die Tiere auf dem Hof, während sie für die CSU im Gemeinderat und Kreistag kämpfte und den monatlichen Bauernmarkt in Peiting organisierte. Sie ist das Herz und die Seele des Peitinger Bauernmarktes, der von März bis Dezember am 1. Freitag im Monat stattfindet (Anmerkung der Redaktion: Der nächste Bauernmarkt findet am 6. September statt).

Pankratia Holl engagiert sich immer noch – auch wenn sie merkt, dass die Organisation des Bauernmarktes und das dafür nötige Backen von süßem Hefe- und Schmalzgebäck beschwerlicher wird. Die Leute können ihr vor Ort beim Backen zuschauen. Dabei kommt die 75-Jährige mit vielen ins Gespräch. „Es ist schön, mit den Leuten dort über Gott und die Welt zu plaudern“, sagt sie. Danach zieht sie sich immer für ein paar Tage auf ihren Hof zurück – zum Ausruhen. „Die Ruhe danach ist herrlich.“

Natürlich kommen auch oft ihre sieben Enkel und die Urenkelin vorbei. Groß gebacken und gekocht wird für sie aber nur noch zu besonderen Ereignissen wie Weihnachten.

Die Torte macht Holl für ihre Familie selten: Ihre Schwiegertochter mag sie nicht. „Sie ist die Einzige“, sagt die engagierte Frau, die es ihrer Schwiegertochter aber nicht verübelt: Kein Wunder. Sie mag keinen Kaffee!“

Häufig hat die Peitingerin das Ursprungsrezept verändert – aber das Original ist einfach unvergleichlich. Auch das rustikale Aussehen der Torte wollte Pankratia Holl mal „aufhübschen“, indem sie wie bei anderen Torten üblich an der Seite die Creme ebenfalls verstrich. „Damit man die rustikalen Böden nicht mehr sieht.“ Aber der Tenor ihrer Testesser war eindeutig: Das Knusprige der Böden ging verloren, die Creme wurde zu übermächtig. Also blieb alles beim Alten. Ihre Torte ist da eben anders.

Und Schönheit ist bekanntlich nicht alles.

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