Alzheimer: Wenn der Geist erlischt

von Redaktion

Der Schlüssel ist nicht zu finden, die Haustür bleibt offen und der Topf steht ohne Inhalt auf dem heißen Herd. Wenn das Gedächtnis nachlässt, fragen sich viele: Liegt das nur am Alter oder sind das Anzeichen von Alzheimer? Lesen Sie hier, wie man die Krankheit des Vergessenes erkennt und behandelt.

VON ANDREA EPPNER

Den „Verlust der geistigen Kontrolle“ über sein Leben: Playboy Gunter Sachs fürchtete das mehr als den Tod. Als er bemerkte, dass seine geistigen Fähigkeiten nachlassen, traf er eine radikale Entscheidung. Mit 78 Jahren beging er Suizid. Weil er „die ausweglose Krankheit A.“ bei sich erkannt habe: Alzheimer.

Die Diagnose? Selbstgestellt und womöglich falsch. Aber wie Sachs denken viele Menschen: „Was soll es sonst sein, wenn der Geist im Alter nachlässt?“ Dabei gibt es viele Ursachen – und auch behandelbare Demenzformen, warnt Prof. Helge Topka, Chefarzt der Klinik für Neurologie und Neurophysiologie an der München Klinik Bogenhausen. Die wichtigsten Fragen und Antworten.

„Demenz“ und Alzheimer: Ist das nicht dasselbe?

Nein! „Der Begriff Demenz ist ein Überbegriff“, erklärt Topka. Dazu zählen viele Erkrankungen, bei denen die kognitive Leistung im Laufe des Lebens nachlasse. Alzheimer ist eine davon. Sie ist aber besonders häufig. Wie die Parkinson’sche Krankheit zählt sie zu den „neurodegenerativen Erkrankungen“: Hier stellen einzelne Nervenzellen ihre Funktion ein. Bei Alzheimer beginnt dieser Prozess wohl Jahrzehnte, bevor erste Symptome auftreten. Kleinere Schäden kann das Gehirn noch lange kompensieren.

Ist das der Grund, warum es vor allem Ältere trifft?

Einer davon. Es gibt auch frühe Alzheimerformen, die bei Jüngeren auftreten: An einer solchen Frühform litt einst auch Auguste Deter. Sie starb 1906 hochverwirrt mit nur 51 Jahren. Nach ihrem Tod untersuchte der Arzt Alois Alzheimer ihr Gehirn und beschrieb danach erstmals die Gehirnerkrankung, die heute nach ihm benannt ist. Was er nicht ahnte: Dass es sich dabei um eine seltene Variante der gleichen Krankheit handelt, die deutlich mehr Menschen erst im Alter trifft. Bei jüngeren Betroffenen beschleunigt ein Gendefekt die krankhaften Abläufe. Heute geht man davon aus, dass die meisten Patienten an Mischformen der Demenz leiden. So steigt im Alter auch das Risiko für Durchblutungsstörungen im Gehirn: Verstopfen kleine Hirngefäße, führt das ebenfalls zum Absterben von Hirnzellen. Das kommt bei Alzheimer oft noch dazu.

Welche Anzeichen sind typisch für Alzheimer?

Das führende Symptom sind Gedächtnisstörungen. Sie betreffen vor allem „die zuletzt eingelagerten Inhalte“, sagt Topka. Also: das Kurzzeitgedächtnis. „Gut eingebrannte, biografische Details bleiben dagegen länger erhalten.“ Ein Beispiel: Betroffene lesen weiter wie gewohnt jeden Tag die Zeitung, müssen Artikel aber zwei Mal lesen – weil sie den Inhalt schon wieder vergessen haben. Das liegt auch daran, dass die Verarbeitung sprachlicher Inhalte beeinträchtigt sein kann. Patienten neigen zudem dazu, Dinge zu verlegen – etwa die Brille oder den Schlüssel.

Wer oft seine Brille sucht, muss sich also sorgen?

Nicht unbedingt, vor allem nicht, wenn man sein Leben lang eher chaotisch und zerstreut war. Auffällig seien Veränderungen: Wenn also ein stets ordentlicher Mensch anfängt, ständig nach Schlüssel und Brille zu suchen. Meist verschlimmert sich das Problem mit der Zeit: Patienten können Dinge irgendwann auch nicht mehr richtig zuordnen. „Dann stellt jemand die Dose mit der Schuhcreme in den Kühlschrank, weil diese Dose eine Paste enthält – solche Verwechslungen deuten auf ein größeres Problem hin“, sagt Topka. Relativ früh geht das Zeitgefühl verloren. Betroffene wissen oft nicht mehr, welcher Wochentag ist. Später leidet auch die Orientierung. Betroffene finden sich zwar auf gewohnten Wegen erst noch zurecht. Sie verlaufen sie sich aber bei geringsten Abweichungen – etwa, wenn eine Baustelle sie zu einem Umweg zwingt. Auch Tätigkeiten leiden, die Planen und Logik erfordern: einen Termin einhalten, aber vor Ladenschluss noch ein Brot kaufen? So etwas klappt oft nicht mehr richtig. Fragmente geübter Abläufe seien aber häufig noch vorhanden, sagt Topka. Da stellt dann jemand den leeren Topf auf den heißen Herd – weil er vergessen hat, Wasser einzufüllen. Topka erzählt von einer Patientin, die einen Meisenknödel statt Kartoffeln in den Salat schnitt.

Was sollte man bei solchen Anzeichen tun?

Den Betroffenen selbst fällt zwar oft auf, dass ihr Gedächtnis nachlässt. Sie schätzen die Situation aber meist weit weniger dramatisch ein als ihre Angehörigen. Meist sind sie es, die zum Arztbesuch drängen. Sie sollten am besten mitgehen, rät Topka. Ihre Berichte helfen bei der Diagnose. Abgesehen von Neurologen und Gedächtnisambulanzen sei der Hausarzt gut als erster Ansprechpartner – weil er den Patienten oft lange kennt. Er kann auch einfache, schnelle Tests wie den „Mini-Mental-Status-Test“ oder den MoCA-Test einsetzen, der verschiedene geistige Fähigkeiten prüft.

Was bringt das, wenn es kein Heilmittel gibt?

Tatsächlich gibt es derzeit keine Therapie, die Alzheimer heilen oder stoppen kann (siehe Kasten). Eine Untersuchung zur Ersteinschätzung sei dennoch wichtig, sagt Topka. Weil Patienten und Angehörige oft noch viele Dinge regeln können – und vor allem, weil es auch behandelbare Demenzformen gibt. Zum Beispiel: limbische Enzephalitiden, die oft mit epileptischen Anfällen einhergehen und sich per Antikörpertest erkennen lassen; schwere Erkrankungen der Schilddrüse, Abflussstörungen des Hirnwassers und weitere. Topka rät aber zu einer Diagnostik mit Maß, die individuell abgestimmt wird. Für ihn gehört dazu aber auf jeden Fall eine allgemeine neurologische Untersuchung dazu, ein Elektroenzephalogramm (EEG), eine Kernspintomografie des Kopfes und eine Basis-Labordiagnostik des Blutes. Bei Bedarf eine Untersuchung des Nervenwassers.

Was bringen Arzneien?

Verfügbare Arzneien lindern nur die Symptome: „Cholinesterasehemmer“ erhöhen die Konzentration des Botenstoffes „Acetylcholin“, der die Gedächtnisfunktion im Gehirn unterstütze, sagt Topka. Der Wirkstoff „Memantin“ senkt die Konzentration eines anderen Botenstoffes. Die Wirkung all dieser Mittel sei eher gering, ein Effekt erst nach längerer Einnahme zu erwarten, sagt Topka. Die Erkrankung schreitet trotzdem fort: Irgendwann geht der Rhythmus von Tag und Nacht verloren, Patienten sind dann oft nachts wach. Viele entwickeln einen „Hinlaufdrang“: Sie meinen also, zur Arbeit zu müssen oder wollen längst verstorbene Eltern besuchen. Manche werden auch aggressiv, weil ihnen die geistigen Fähigkeiten fehlen, Konflikte anders zu lösen. Irgendwann erkennen sie selbst nahe Angehörige nicht mehr.

Was kann man selbst tun?

Helfen kann manchmal ein Trainingsprogramm in einer Gedächtnisambulanz. Allerdings lässt sich die Erkrankung durch geistige Aktivität weder stoppen noch verhindern. Studien zeigen aber, dass ein hohes intellektuelles Ausgangsniveau einen gewissen Schutz bietet: Gibt es viele Verknüpfungen im Hirn, lassen sich Lücken womöglich länger kompensieren. In jedem Fall sollte man sein Gehirn auch im Ruhestand fordern – vorbeugend und bei einer frühen Demenz. Sudokus zu lösen, reicht dafür nicht. „Dadurch wird man ein besserer Sudokuspieler, kann aber trotzdem nicht gut einkaufen“, sagt Topka. Sein Tipp: viel Bewegung und soziale Kontakte. Rentner sollten versuchen, nahe am früheren Alltag zu bleiben. Der Austragsbauer kann vielleicht noch im Stall mithelfen, der Architekt beim Gartenhausbau des Nachbarn. Auch Erkrankte profitieren, wenn sie von Angehörigen eingebunden werden – so gut es eben geht. Denn viel stoßen hier an ihre Grenzen.

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