DIE HAUSARZT-KOLUMNE – NEUES AUS DER PRAXIS

Anrufen statt abwarten!

von Redaktion

„Die Deutschen gehen zu oft zum Arzt“, „Hälfte aller Arztbesuche überflüssig“, „Dauerkarte Doktor“. Solche und ähnliche Überschriften las man in den vergangenen Jahren häufiger in der Presse. Im Vergleich zu anderen Ländern gehen die Deutschen tatsächlich öfter zum Arzt. Abhängig von Untersuchungszeitraum, Altersgruppe etc. kommt jeder Deutsche im Durchschnitt auf etwa zehn Arztkontakte pro Jahr. Zum Vergleich: In Schweden sind es etwa drei.

So ist das normalerweise. Denn im Moment sieht es in den Praxen ganz anders aus: Die Wartezimmer sind leer, manche Praxen sogar ganz geschlossen. Ob bei Physio- oder Ergotherapeuten, bei Zahnärzten oder in Rehakliniken – fast überall sind die Patientenzahlen deutlich zurückgegangen. Der Grund dafür ist, wie für so vieles in diesen Tagen: Corona.

Wir Ärzte waren es selbst, die von unnötigen Arztbesuchen abgeraten haben: Alles nicht zwingend Notwendige sollte verschoben werden. Auch in den Krankenhäusern wurden massenhaft Operationen abgesagt, um mehr Kapazitäten für Corona-Patienten zu schaffen. Zudem können Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen und Rezepte telefonisch bestellt und per Post zugeschickt werden. Ein persönlicher Patientenkontakt ist dazu nicht nötig. Aus meiner Sicht sind das alles Maßnahmen, die richtig und erforderlich waren und sind, um unsere Patienten, aber auch das medizinische Personal zu schützen.

Wie meistens gibt es aber auch hier eine Kehrseite der Medaille: Viele Patienten haben solche Angst, sich in der Praxis oder im Krankenhaus mit dem Coronavirus anzustecken, dass sie auch bei ernsten Beschwerden lieber zu Hause bleiben. So berichten Kollegen in Notfallambulanzen, über deutlich weniger Patienten, die mit Symptomen eines Herzinfarkts oder Schlaganfalls in die Klinik kommen. Das ist fatal, da die tatsächliche Zahl der Betroffenen wohl kaum zurückgegangen ist.

Auch wenn die Angst vor einer Ansteckung natürlich verständlich ist: Das darf nicht sein! Den „Check-up 35“, eine Kontroll-Untersuchung für alle ab 35 Jahren, um ein paar Monate zu verschieben, ist sicher richtig und unproblematisch. Wenn aber die Brust schmerzt oder sich der Arm kurzfristig taub anfühlt, muss man zum Arzt – und zwar sofort!

Dabei muss es gar nicht immer so dringlich sein. Ich finde, auch chronisch kranke Patienten wie Diabetiker, COPD- oder Tumor-Patienten sollten ihre Kontrolluntersuchungen und Nachsorgetermine wahrnehmen. Gerade diese gefährdeten Gruppen müssen in der jetzigen Zeit bezüglich Ihrer Erkrankung optimal versorgt sein, sonst ist das Risiko für eine Infektion oder einen schweren Verlauf noch deutlich höher. Auch sollte man nicht jede Verletzung selbst versorgen. Auch Impfungen wie Tetanus und andere müssen auch in Zeiten von Corona aufgefrischt werden.

Sicher: Was nötig ist und was warten kann, hängt auch immer von der individuellen Situation ab. Umso wichtiger ist es, per Telefon oder E-Mail beim Arzt anzufragen, ob ein Besuch nötig ist oder nicht. Die allermeisten Praxen und Krankenhäuser haben ihre Abläufe zudem so angepasst, dass das Infektionsrisiko auf ein Minimum reduziert wird. Damit birgt der Arztbesuch auch kein höheres Risiko als der Gang in die so beliebten Gartencenter.

VON DR. SEBASTIAN BRECHENMACHER

Der hausärztlich tätige Internist mit Praxis in Krailling (Kreis Starnberg) erklärt, wann Patienten trotz Corona-Zeiten unbedingt zum Arzt sollten.

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