Covid-19: Warum sterben mehr Männer?

von Redaktion

Zahlen belegen: Männer sterben öfter an Covid-19 als Frauen. Aber: Warum ist das so? Eindeutige Antworten fehlen noch. Doch es gibt Hinweise darauf, wieso das Geschlecht eine Schlüsselrolle spielen könnte.

VON BARBARA NAZAREWSKA

Die Vermutung gibt es schon lange, nun wird sie von immer mehr Zahlen unterfüttert: Wenn sich Männer mit dem neuartigen Coronavirus infizieren, sterben sie – statistisch betrachtet – öfter an Covid-19 als Frauen. Das belegen zahlreiche Datenanalysen, zum Beispiel auch die des chinesischen Wissenschaftlers Jin-Kui Yang vom Tongren Hospital in Peking und seiner Kollegen.

Die Forscher haben 43 eigene Covid-Fälle und zudem 1059 Fallakten weiterer in Wuhan behandelter Erkrankter ausgewertet. Das Ergebnis: Während bei den Infektionszahlen die Geschlechterunterschiede nicht besonders ins Gewicht fallen, gibt es bei den Todeszahlen einen klaren Unterschied: 70 Prozent Männer, 30 Prozent Frauen.

Auch für Deutschland zeigt sich, dass Männer eher gefährdet sind, an den Folgen von Covid-19 zu sterben. Selbst wenn das Verhältnis männlich-weiblich nicht so stark ausgeprägt ist wie in der chinesischen Studie: Es liegt immerhin bei 56 zu 44 Prozent, hat das Robert Koch-Institut ermittelt (siehe Grafik).

Yang und seine Kollegen stellen jedenfalls für ihre Studie fest: „Damit ist die Letalität bei den Männern 2,4-mal so hoch wie bei den Frauen.“ Und weiter: „Männer und Frauen scheinen demnach gleich anfällig für Covid-19 zu sein, aber Männer sterben eher daran.“

Doch was ist der Grund dafür? „Es könnte unter anderem daran liegen, dass Männer eher unter Begleiterkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems leiden, wodurch sich im Zusammenhang mit der Corona-Infektion offenbar eine Risikokonstellation ergibt“, heißt es bei der Deutschen Gesellschaft für Mann und Gesundheit (DGMG).

Im Fokus steht der genetische Unterschied von Männern und Frauen. Er spiele eine wichtige Rolle, sagt Prof. Frank Sommer, Präsident der Gesellschaft: So haben Männer, anders als Frauen, nur ein X-Chromosom, dazu ein kleineres Y-Chromosom. Auf dem Abschnitt, der dem Y-Chromosom fehlt, seien viele Prozesse kodiert, die antioxidativ wirken, den Organismus also vor oxidativem Stress schützen und Entzündungen vorbeugen. Diesbezüglich sei der Mann gegenüber der Frau genetisch benachteiligt.

Neben dem genetischen Aspekt kommt es zudem darauf an, wie der Körper mit Krankheiten umgeht – also auf Infektionen reagiert. Privat-Dozent Dr. Tobias Jäger, Vorstandsmitglied der DGMG, sagt: „Das Immunsystem von Frauen und Männern unterscheidet sich. Vereinfacht kann man sagen, dass Männer durch die Unterschiede in der Immunantwort häufiger krank werden als Frauen. Das weibliche Hormon Östrogen scheint hier einen protektiven, also einen schützenden Effekt zu haben – insbesondere auf die Auseinandersetzung des Körpers mit der Virusinfektion.“

Eine Erklärung liefert hierfür die Reaktion des Immunsystems auf Zellebene: Dringen Krankheitserreger in den Körper ein, werden diese durch körpereigene Immunzellen bekämpft. „Das können spezifische oder unspezifische Immunzellen sein. Östrogen unterstützt die Vermehrung der spezifischen Immunzellen. Daher reagiert das weibliche Immunsystem schneller und aggressiver auf Krankheitserreger“, erklärt Privatdozent Dr. Magnus Baumhäkel, der ebenfalls im DGMG-Vorstand ist.

Wie wichtig das Zusammenspiel zwischen der Immunreaktion und Hormonen ist, zeigt auch die Bedeutung des Testosteronspiegels. Denn: Testosteron wird bei Männern in Östradiol verstoffwechselt – Männer mit einem hohen Testosteronspiegel haben somit in der Regel auch gute Östradiolspiegel. Und dieses Östrogen, eigentlich das weibliche Geschlechtshormon, fördert bei Männern eine Vermehrung der spezifischen Immunzellen. Und somit eine schnelle und effektive Krankheitsbekämpfung. Aber: Forscher gehen davon aus, dass dieser Schutzeffekt selbst bei Frauen nur bis zu den Wechseljahren anhält; dann sinkt der Östradiolspiegel.

Grundsätzlich gilt jedoch: Männer mit niedrigem Testosteron- und/oder Östrogenspiegel werden häufiger von Erkältungen und Infekten heimgesucht. Über gute Testosteronwerte und damit einhergehend gute Östrogenwerte verfügen vor allem Männer, die sich viel bewegen, gesund ernähren und mental stark sind. Positiver Nebeneffekt: Sie werden seltener – und auch nicht so schnell krank.

Diese geschlechtsspezifischen Unterschiede spielten auch schon bei der Sars-Epidemie eine Rolle, zumal es sich hierbei ebenfalls um Erreger aus der Familie der Coronaviren handelt. Analog dazu stellen jetzt Forscher eindeutig fest: „Das Geschlecht ist ein Risikofaktor für Schweregrad und Mortalität von Covid-19, unabhängig von Alter und Suszeptibilität, also Empfindlichkeit.“

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