Krebs: So hilft die Kraft der Natur

von Redaktion

Eine Expertin erklärt, wie Komplementärmedizin die Lebensqualität verbessert

Viele Patienten erleben eine Krebsdiagnose als großen Kontrollverlust: Erst hat ihr Körper sie im Stich gelassen. Nun müssen sie belastende Therapien erdulden, fühlen sich ausgeliefert und hilflos. Viele wollen aber selbst etwas tun, um gesund zu werden – und setzen daher auf Naturheilverfahren. „Da gibt es wirklich gute Angebote“, sagt Univ.-Prof. Dr. Stephanie Combs. Sie ist Direktorin der Klinik für RadioOnkologie und Strahlentherapie am Klinikum rechts der Isar der Technischen Universität (TUM) München und leitet auch die Arbeitsgruppe Komplementärmedizin am Tumorzentrum München. Für sie passen Hightech-Medizin und Naturheilkunde sehr gut zusammen. Anlässlich des morgigen Weltkrebstages verrät sie, was eine sinnvolle Ergänzung ist und worauf es dabei ankommt.

Komplementärmedizin:Was ist damit gemeint?

„Auf Naturheilkunde zu setzen, bedeutet nicht, das Angebot der Schulmedizin zu verlassen“, stellt Combs klar. Sonst laufe man Gefahr, schlechter behandelt zu werden. Dann sei die Kritik, die es oft an Naturheilverfahren gebe, berechtigt. „Komplementärmedizin“ meint aber etwas anderes: Hier geht es nicht um Konkurrenz, sondern um eine Ergänzung zur Spitzenmedizin. Sie soll das Wohlbefinden verbessern, Nebenwirkungen der Krebstherapien lindern und deren Wirkung unterstützen.

Geht es dabei nur um Kräuter?

Nein. „Dazu gehört auch vieles, das ganz banal erscheint“, sagt Combs. Eine Ordnungstherapie zum Beispiel: „Wir wissen heute, dass eine gewisse Routine – morgens aufstehen, regelmäßige Bewegung – den Patienten hilft.“ Denn die geht während der Therapie oft verloren. „Viele sagen: Ich bin müde, mir geht‘s nicht gut –dann bleibe ich eben auf dem Sofa, denn ich muss mich ja schonen“, sagt Combs. Das sei aber der falsche Ansatz. Sie rät stattdessen zu mehr Bewegung, auch in den Therapiephasen. „Leichter Ausdauersport ist wie ein Medikament“, sagt sie. Während einer Chemo-, Strahlen- oder Hormontherapie lindert er Nebenwirkungen und wirkt einer chronischen Erschöpfung („Fatigue“) entgegen. Intensität und Sportart müssten aber zur körperlichen Situation passen. Hilfreich seien auch Entspannungstechniken und Yoga. Es gebe sogar Hinweise, dass diese das Immunsystem unterstützen.

Misteltherapie: Nützt sie wirklich etwas?

Die Idee, Misteln bei Krebs einzusetzen, stammt aus der anthroposophischen Medizin. Tatsächlich gibt es Hinweise, dass ein Extrakt daraus hilft, Nebenwirkungen einer Chemotherapie zu lindern – auch wenn man sich die Wirkweise heute anders, nämlich durch ihre Inhaltsstoffe, erklärt: Bei Patientinnen mit Tumoren im gynäkologischen Bereich, also etwa bei Brustkrebs, habe man da „eine gute Wirksamkeit gesehen“, sagt Combs. Präklinische Daten hätten zudem ergeben, dass Mistelextrakt Tumorzellen zum Zelltod anregen kann. Allerdings verhalten sich Krebszellen in einem Schälchen im Labor anders als ein Tumor im Körper. Große, teuere Studien zur Anwendung an Patienten gibt es nicht – so wie generell bei vielen komplementärmedizinischen Angeboten: Für Kräuter & Co. lohne sich das nicht.

Akupunktur: Wie wirksam ist TCM?

Gute Daten zur Wirksamkeit gebe es zur traditionellen chinesischen Medizin (TCM) – „wenn das tatsächlich auf hohem Niveau gemacht wird“, sagt Combs. So könne Akupunktur Schleimhautreizungen bei einer Strahlentherapie reduzieren. Solche treten öfter bei einer Strahlentherapie bei Kopf-Hals-Tumoren auf. Dann rät Combs ihren Patienten übrigens gern zu einem einfachen Mittel, zu dem es zwar keine Studien gibt, das aber sicher nicht schadet: zwei Mal täglich ein Löffel Honig.

Selen: Hilft es beim Gesundwerden?

„Im Körper selbst, aber auch durch die Therapie können freie Radikale entstehen“, erklärt Combs. Diese aggressiven Moleküle können „Schäden an Körperzellen anrichten“. Selen soll dem als „Antioxidans“ entgegenwirken und diese Radikale neutralisieren. Während einer Strahlentherapie womöglich eher ungünstig: Auch dabei entstehen freie Radikale, die allerdings dazu beitragen, Tumorzellen abzutöten. Wer parallel Selen schluckt, könnte deren Wirkung mindern, so eine Sorge. Erste Versuche mit Zellkulturen im Labor belegen das zwar bislang nicht, sagt Combs. Auch hier ist unklar, ob das bei der Anwendung bei Patienten ebenso ist. „Die Datenlage ist kontrovers.“

Hochdosierte Vitamine: Bringen sie was?

Manche Krebspatienten setzen auf hochdosierte Vitamine – als Tabletten oder Infusion. Geht es um Vitamin C, sieht Combs darin zumindest bei den meisten Patienten keinen Schaden. Was zu viel ist, werde ausgeschieden. Patienten, die parallel eine Strahlentherapie bekommen, sollten aber aufpassen, warnt sie. Dann könnten hochdosierte Vitamine die Nebenwirkungen verstärken und zu starken Hautreizungen führen. Generell rät Combs Krebspatienten eher davon ab, einzelne Nährstoffe und Vitamine isoliert zuzuführen. Viel besser sei es, sich ausgewogen zu ernähren: mit viel Obst, reichlich Gemüse und Ballaststoffen, genug Protein, etwa in Hülsenfrüchten und Fisch, dazu etwas Fleisch und nur wenig Zucker. „Dann brauche ich weder eine Tablette noch eine Infusion“, sagt Combs. Nahrungsergänzungsmittel seien nur für Patienten sinnvoll, die aufgrund ihrer Erkrankung nicht genug Nährstoffe aufnehmen können.

Kurkuma: Gelbwurz gegen Krebs?

Eigentlich ist Kurkuma ein Gewürz, das vor allem in der Küche beliebt ist. „Gelbwurz ist aber auch ein Stoff, der Blähungen, Völlegeühl und andere Darmbeschwerden lindern kann“, sagt Combs. Auch eine entzündungshemmende Wirkung wird ihm nachgesagt. Doch Kurkuma gegen Krebs? „Wir haben erst letztes Jahr Daten dazu aus unserem eigenen Labor publiziert“, sagt die Expertin. Kurkuma verbesserte demnach die Wirkung der Strahlentherapie auf Bauchspeicheldrüsenkrebs-Zellen – im Labor. Auch hier gilt: „Daten aus der Anwendung an Patienten gibt es nicht“, sagt Combs. ANDREA EPPNER

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