Das Kreuz mit dem Homeoffice

von Redaktion

Warum Rückenleiden in der Pandemie zunehmen – und was dagegen hilft

Was im ersten Lockdown als kurze Ausnahme für wenige Wochen begann, ist für viele Büro-Angestellte inzwischen zum Dauerzustand geworden: Arbeiten von daheim, also im „Homeoffice“. In Corona-Zeiten lassen sich so zwar Kontakte reduzieren und damit auch das Infektionsrisiko. Doch es gibt auch einen Haken: Oft leidet der Rücken extrem unter den veränderten Arbeitsbedingungen. Warum das so ist und wie sich das vermeiden lässt, erklärt Ihnen hier der Münchner Orthopäde und Wirbelsäulenexperte Dr. Martin Marianowicz. Mit Patientin Katja B., 54, aus dem Landkreis Erding (siehe Interview) zeigt Ihnen Christina Karl, Physiotherapeutin im Marianowicz Zentrum für Diagnose & Therapie in Bogenhausen, zudem einige hilfreiche Übungen.

Warum Bandscheiben Bewegung brauchen

Dass die Zahl der Menschen mit Rückenschmerzen seit Monaten massiv zunimmt, überrascht nicht: Viele sitzen daheim nicht so komfortabel wie im Büro. Die Stühle sind härter und unbequemer, der Küchentisch von der Höhe nicht optimal einstellbar und viele bewegen sich noch weniger als sonst – vom Bett ins Badezimmer, dann in nur 20 Schritten ins Heimbüro. „Unser Rücken ist nicht fürs Sitzen konzipiert“, sagt Experte Marianowicz. „Alles an seinem Aufbau ist fundamental auf Bewegung ausgerichtet.“

Doch was passiert, wenn man lang auf einem schlechtem Stuhl in ungünstiger Haltung sitzt, konzentriert auf den Laptop starrt und Texte tippt? „Der Verschleiß und damit die Schmerzen beginnen meist an den Bandscheiben“, erklärt unser Experte. Wie scheibenförmige Stoßdämpfer sitzen sie zwischen den Wirbeln. Sie haben eine feste Hülle und einen weichen Kern. Um sich zu ernähren, brauchen Bandscheiben Bewegung. Denn: „Sie haben keine Blutgefäße“, erklärt Marianowicz. „An Nährstoffe gelangen sie nur durch Auspressen und Aufsaugen – was durch Bewegung passiert.“ Sitzt man also die ganze Zeit nur, ist quasi der „Herzschlag“ der Bandscheiben unterbrochen. Darauf bauen alle strukturellen Rückenprobleme auf: Bandscheibenvorfälle, Veränderungen der Wirbelgelenke und Einengungen der Wirbelsäulenkanäle.

Warum sind starke Muskeln wichtig?

Um all ihre Aufgaben bewältigen zu können, braucht die Wirbelsäule eine gute Muskulatur. Die leidet schon zu normalen Zeiten an der rückenfeindlichen Bürowelt. Angestellte, die viel unterwegs sind und Dinge schleppen müssen, haben seltener Rückenbeschwerden als diejenigen, die ständig am Computer sitzen. In Corona-Zeiten verstärkt sich das noch. „Wenn ich manchmal höre, auf welchen Möbeln meine Patienten zu Hause sitzen und ihrer Arbeit nachgehen, wird es mir übel“, sagt Marianowicz. „Da hat man gar nichts vorbereitet und viele Arbeitgeber sowie die Politiker stehlen sich hier aus der Verantwortung.“

Warum spielt auch die Psyche eine Rolle?

Die Dauerbelastung für Bandscheiben und Muskulatur bringen das Rückensystem nach Wochen oder Monaten im Homeoffice oft aus der Balance: Wirbelsäule, Muskeln und Sakralgelenke schlagen Alarm, schicken Schmerzsignale ans Gehirn. Dort können diese noch verstärkt werden. Denn wie stark wir Rückenschmerzen empfinden, hängt auch vom psychischen Befinden ab. „In der kalten Jahreszeit häufen sich die Rückenschmerzen immer. Das hängt nicht nur mit den frostigeren Temperaturen zusammen, sondern auch mit der sozialen Distanz. Im Winter sind wir mehr drin, treffen weniger Menschen, sind einsamer und tendieren zu depressiven Verstimmungen. Wie extrem sich das aufgrund der rigiden Corona-Maßnahmen in diesem Winter auswirkt, liegt ja auf der Hand.“

Bei Rückenschmerzen seien Rücken und Gehirn gleichermaßen beteiligt. „Denn der Verstärker für die Beschwerden sitzt oben in unseren Köpfen. Existenzängste, Einsamkeit, fehlende soziale Kontakte, Perspektivlosigkeit und (im-)materielle Bedrohungen sind entscheidende Faktoren, die neurologische Schmerzen verstärken oder sogar erst entstehen lassen. Rückenschmerzen können einen quälen, ohne dass der Rücken kaputt ist, ohne dass es einen klinischen Befund gibt.“ Oft spiegle sich der Zustand der Psyche im Rückenschmerz. „Nur 15 bis 20 Prozent des Schmerzgeschehens korrelieren mit einem Kernspin-Befund. Bei den restlichen ist ein unheilvoller Prozess in Gang gekommen.“

Marianowicz erlebt derzeit einen regelrechten Ansturm junger Leute. Rückenleiden hätten viele von ihnen nicht gekannt, „als sie sich vor Corona mehr bewegt haben. Jetzt sind sie stark verunsichert und wissen nicht, wie sie damit umgehen können.“

Wie man den Schmerz wieder los wird

Marianowicz und sein Team legen daher großen Wert auf intensive Zuwendung. Doch: Orthopäden sind keine Psychologen, die Hoffnungslosigkeit können sie nicht behandeln. „Das wäre Aufgabe der Politiker. Sie müssten den Menschen eine Perspektive und Zuversicht geben. Wir Menschen brauchen ein Ziel und ich verstehe nicht, weshalb man da so dilettantisch vorgeht“, kritisiert Marianowicz. „Momentan werden wir Ärzte überrannt.“ Doch oft sei es gar nicht der Rücken, sondern Fragen wie diese: Wie soll das alles weitergehen? Was wird aus meinem Job? „Der Mensch wird nicht mehr als Mensch gesehen – er verkommt zur Inzidenz.“

Allein lässt Marianowicz seine Patienten natürlich nicht. Sie bekommen Verhaltenstipps und Übungen (Kasten und Fotos oben), die sie konsequent mehrmals täglich zu Hause durchführen – und so ihre Leiden selbst lindern können. Er rät zudem, sich auch im Homeoffice-Alltag zu mehr Bewegung zu zwingen – zum Beispiel so: „Stellen Sie den Drucker weit weg vom Schreibtisch. Laufen Sie beim Telefonieren durchs Zimmer. Besorgen Sie sich einen speziellen Holzstuhl mit Kugellager auf der Sitzfläche – der zwingt Ihren Rücken, die Bewegung mitzumachen!“ SUSANNE HÖPPNER

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