Der Streit über den Referentenentwurf zur Novellierung des Bundesjagdgesetzes (BJagdG) wird seit seiner Bekanntmachung Ende Juli letzten Jahres geführt. Weil die Jagd aber teilweise Ländersache ist, scheint Bayern am Abschussplan nichts ändern zu wollen. Aber selbst wenn der Freistaat einen Sonderweg geht, lässt aufhorchen, dass das Rehwild der Wildsau gleichgestellt wird: „Schalenwild (mit Ausnahme von Schwarz- und Rehwild) sowie Auer-, Birk- und Rackelwild dürfen nur auf Grund und im Rahmen eines Abschussplans erlegt werden.“ Das heißt, es würde für Rehwild keine Deckelung mehr geben.
Walter Bott, Chef des Jagdschutz- und Jägervereins Freising, sieht das gelassen: „Was erlaubt ist, muss man noch lange nicht ausüben.“ Und wie er würden sich viele weniger Emotionalität wünschen. „Beim Jagdgesetz steht leider die Forstökonomie im Vordergrund. Das Pflanzen der Fichte war 200 Jahre Lehrmeinung. Doch nun ist die Fichte am Ende, Eschen und Ulmen geben auf. Doch mit dem Tod der Rehe löse ich den Klimawandel nicht!“ Dennoch wird das Reh verantwortlich gemacht. Es würde – wie Hirsch und Gams – einem Umbau zu einem klimastabilen Wald im Wege stehen.
Aber worauf gründet sich das? Da kommt nun das Vegetationsgutachten ins Spiel, das alle drei Jahre erstellt wird und auf dem Abschusspläne aufbauen. Gerade jetzt ist die Zeit, wo das Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten (AELF) diese Gutachten erstellt. Das Frühjahr 2021 dient als Grundlage für den Plan der nächsten drei Jahre. Coronabedingt sind neben zwei Aufnehmern der Forstverwaltung je ein Vertreter des Waldbesitzes und der Jägerschaft zulässig. Über Bayern ist quasi ein Raster gelegt, viele Quadrate entstehen. Wenn man in einem Kästchen ein Kreuz zieht, ergibt sich ein Mittelpunkt. Genau dort findet die Aufnahme statt. Im Fokus stehen vor allem Bäumchen von 20 Zentimetern bis 1,30 Metern. Kritiker dieser Methode bemängeln, dass Gutachter dorthin gingen, wo sicher Verbiss gefunden wird. Das stimmt aber nicht, die Rasterung ist objektiv, der Blick der Gutachter wie alles Menschliche subjektiv. „Wann immer ich mitgegangen bin, waren vernünftige Leute am Werk“, erklärt Bott. Der wichtigste Kritikpunkt bleibt: Nicht alles, was dem Reh zugeschrieben wird, ist auch vom Reh verursacht. Denn es rammen auch ganz andere ihre Beißerchen in Triebe! Und mehr noch, es gibt auch Kritik am Aufnahmezeitpunkt.
„Wir stehen am Anfang der Vegetationsperiode. Es ist möglich, dass Triebe, die im März und April als Verbiss notiert wurden, bereits im August nachgewachsen wären“, sagt Gutachter Dieter Immekus, der seit Jahrzehnten Abbissstellen mit modernen Methoden der Forensik begutachtet, der die Tierart durch molekularbiologische Tests von Speichelresten zuordnen kann. Auch Bott weiß: „Es macht einen eklatanten Unterschied, ob ein Seitentrieb verbissen ist oder der Leittrieb. Und was mache ich mit der Aussage, 20 % seien verbissen? Wo ist der Referenzwert? 20 % sind im spärlichen Bewuchs viel, in der bürstendicken Naturverjüngung interessiert das gar nicht, denn dort müsste der Forstwirt viel Zeit und Geld investieren, diese Bäume auszudünnen und zu pflegen.“
Wie man es auch betrachtet, es läuft am Ende immer auf eines hinaus: Forst ist ein reiner Wirtschaftswald. Wald hingegen ist komplexe Natur mit Artenvielfalt. „Was wir momentan betreiben, ist kein Waldumbau, sondern ein Forstumbau!“, sagt Immekus. Und Bott bemerkt: „Alle reden vom Insektensterben, vom Verlust der Artenvielfalt. Wir wissen um die Fehler, die wir mit der modernen Landwirtschaft gemacht haben. Was wir im Feld versaut haben, das versauen wir jetzt auch noch im Wald!“
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