ÜBER NAHRUNGSANGEBOTE, HUNGRIGE TIERE UND VERBISS
„Ich mag das Wort Verbiss nicht, weil es negativ belegt ist, Tiere nutzen das Nahrungsangebot. Das beginnt bei Schnecken und Kleintieren, geht bei Mäusen weiter, betrifft Hasen und Eichhörnchen“, sagt Gutachter Dieter Immekus. Und sehr oft war gar nicht das Reh der Täter, sondern ein anderes Tier. Molekularbiologisch kann man das beweisen – anhand von Restspeichel. Klar ist, dass das nur in einer begrenzten Zeit geht und eine Kostenfrage ist. „Die Bestimmung rein mit dem Auge ist wirklich extrem schwierig. Angeblich sieht man den Rehbiss, weil es reißt und zupft. Aber auch andere Tiere können mit den Backenzähnen abbeißen und das ähnelt dann dem Rehbiss.“
Und auch der Theorie, dass Verbiss über 30 cm ja nur vom Reh stammen kann, erteilt er eine Absage. „Die Rötelmaus klettert auch mehrere Meter hoch und knabbert dort.“ Aber da ist doch Rehlosung, es muss also das Reh gewesen sein!? Immekus: „Nur weil ich in einem Kaufhaus auf die Toilette gehe, heißt es noch nicht, dass ich dort einkaufe.“ Der Gradmesser müsste eigentlich sein: Wie hoch ist der Schaden wirklich? Welche waldbaulichen Ziele gibt es? „Mir kommt es so vor, als wolle man Schalenwild reduzieren, egal ob es Schaden macht oder nicht“, sagt Immekus. „Das Reh ist kein Schädling, man betrachtet zu selten seinen Nutzen. Beispielsweise spielt es eine wichtige Rolle im Zyklus der Zecke: Die Larve findet ihre Wirte bevorzugt unter Kleinnagern. Die anschließende Nymphe sucht sich größere Wirte. Die ausgewachsene Zecke wiederum sucht einen Wirt auf, an dem sie für eine längere Zeit saugen kann. Untersuchte Zecken, die zuvor an Wiederkäuern Blut gesaugt hatten, waren anschließend borreliosefrei, damit keine Überträger dieser Krankheit mehr. Das heißt, dass dann befallene Menschen nicht mehr mit Borreliose infiziert werden. Eine starke Reduktion von Rehwild gefährdet also durchaus die öffentliche Gesundheit. Rehe werden von Zecken stark besiedelt, sie lenken die Zecken vom Mensch und dem Haustier ab. Ferner sorgen sie dafür, dass die am Reh gesaugten Zecken keine Borreliose mehr übertragen können.“
Das Ökosystem ist eben komplex. Walter Bott: „Der Wald ist keine Plantage, er ist ein Lebensraum.“ Den das Reh gerne verließe, denn es mag vieles lieber als Fichtenwipfel. Himbeeren, Brombeeren, Krautflora, Gras. „Früher, als Menschen noch hart körperlich gearbeitet haben, wurden sie abends nicht zu hektischen Freizeitaktivisten. Heute ist jeder unterwegs, natürlich ziehen sich Wildtiere in den Wald zurück und das Reh steht dann in der Verjüngung.“ Und leider hat es noch ein Problem, für das es nichts kann. Es hat von den Wildwiederkäuern den kleinsten Pansen, d. h., dass es zwingend alle zweieinhalb Stunden fressen muss, dann wiederkäuen. Wenn es aber nicht hinaus kann, dann muss es eben auch mal in die Verjüngung beißen…