Manager (53) fliegt zurück ins Leben

von Redaktion

Neue Hightech-Therapie aus München macht vielen Schlaganfallpatienten Mut

Martinsried – Schlaganfall, der Gau im Gehirn, trifft jedes Jahr 270 000 Menschen in Deutschland. Fast zwei Drittel der Schlaganfall-Patienten erleiden dauerhafte Behinderungen und sind auf fremde Hilfe angewiesen. Eine neue Therapie aus Martinsried im Süden von München gibt Hoffnung. Spielerisch trainieren Betroffene auf neuartigen Geräten und tauchen mit Hightech in eine andere Welt ein: Der Körper liegt auf dem Gerät und eine Virtual Reality Brille entführt den Geist in eine ferne Welt. Wie Superman fliegt der Patient dann beispielsweise über Berge und schafft dabei im Gehirn neue Verknüpfungen, die ihm dann eine Körperkontrolle geben und ihm so Bewegungen ermöglichen, von denen er geglaubt hätte, er würde sie nie mehr schaffen. Schlaganfall-Patient Walter Puschacher, ehemaliger Kreativ-Direktor von Disney, hat so das flüssige Gehen wieder gelernt – obwohl Neurologen vorher gesagt hatten, das würde er nicht mehr können.

Eingesperrt in den Körper

Die ganze Zeit über hat er gestrahlt, doch wenn sich Walter Puschacher an die Silvesternacht 2012 erinnert, dann verschwindet das Lächeln aus seinem Gesicht. Der Schlaganfall war am Vormittag passiert, den Jahreswechsel verbrachte der heute 53-Jährige auf der Intensivstation. „Das Fenster stand offen und draußen krachten die Raketen und ich hatte das Gefühl, sie explodieren direkt in meinem Kopf und der zerspringt“, erzählt Puschacher und gestikuliert mit der linken Hand – seine rechte Körperseite war nach dem Schlaganfall gelähmt. „Ich klingelte also mit der linken Hand nach der Schwester, doch dann konnte ich ihr nicht sagen, was ich wollte, sie nämlich bitten, das Fenster zu schließen. Das war der Moment, in dem mir zum ersten Mal klar wurde, wie böse es mich erwischt hat“, erzählt er.

Fliegen wie ein Superman

Was um ihn herum geredet wird und was passiert, habe er klar verstanden, aber ausdrücken konnte er sich nicht mehr. „Ich war in meinem Körper eingesperrt“, sagt er. Irgendwie schaffte er es dann doch, die Schwester dazu zu bewegen, das Fenster zu schließen, indem er mit der linken Hand fuchtelte. „Aber mir wurde klar, dass es noch ein weiter Weg werden würde. Wie weit tatsächlich, das habe ich damals nicht geahnt“, sagt er. Sieben Jahre nach dem Schlaganfall war er noch immer weitgehend gelähmt auf seiner rechten Körperseite. Dann brachte ihn sein Physiotherapeut Jonas Trojer nach Martinsried und ermutigte ihn, sich auf den Icaros Health zu trauen – also auf das Gerät, das die Icaros-Firmengründer Michael Schmidt und Johannes Scholl speziell für die Therapie von Schlaganfallpatienten entwickelt haben. Auf dieses stellt sich der Patient im Unterarmstütz, er nimmt quasi die Haltung ein, mit der Comicfigur Superman losfliegt. Auf dem Icarus-Gerät befreit sich der Patient selbst aus seiner körperlichen Notlage, in die ihn der Schlaganfall gebracht hat.

Das Gehirn schafft neue Verknüpfungen

Das funktioniert so: Der Patient bekommt eine Virtual-Reality-Brille aufgesetzt. Diese Computerbrille zeigt ihm eine dreidimensionale Landschaft – und da er die Außenwelt weder hören noch sehen kann, ist er quasi in dieser anderen Welt.

Wie Superman fliegt er durch die Landschaft und lenkt mit dem Körper. „Dadurch, dass nichts ist wie sonst und der Patient im Kopf neue Wege gehen muss, werden Bewegungen möglich, die der Patient bewusst nicht mehr machen konnte“, erklärt Firmengründer Schmidt. Fliegen wie Superman. Ein Schlaganfall macht Bereiche im Gehirn unbrauchbar – und damit kann dann der Patient auch nicht mehr Bewegungen, die durch diese Gehirnbereiche gesteuert wurden, ausführen.

„Im Icaros Health ist aber alles neu und der Patient nutzt in seinem Gehirn also nicht mehr die gut ausgebauten Verbindungen, sondern geht neue Wege und schafft damit neue neuronale Verknüpfungen und schließt damit neue Gehirnareale auf, die dann im besten Fall schrittweise verlorene Bereiche ersetzen“, erklärt Firmengründer Schmidt.

Bei Walter Puschacher klappte das gut: Er kann nun flüssig gehen und hat seine rechte Körperseite weitgehend unter Kontrolle. „Auf dem Icaros fühle ich mich frei, da bemerke ich meine Handicaps nicht mehr und mache Bewegungen eher unbewusst, die ich bewusst so nicht gekonnt hätte“, sagt Walter Puschacher.

Angstfrei auch beim, Nach-vorne-Beugen

Wovor Menschen nach einem Schlaganfall am meisten Angst haben, ist die Bewegung des Nach-vorne-Kippens, erklärt Michael Schmidt. „Diese machen sie auf dem Therapiegerät aber dann unbewusst doch – und trainieren sie so.“ Zudem sei die Motivation, sich zu verbessern, sehr hoch – ähnlich wie die eines Kleinkindes, das Gehen lernen will. Für das Gerät gibt es unterschiedliche Programme: Am Anfang macht der Patient leichte Übungen und sieht so schnell einen Fortschritt. Zudem aber gibt es Programme, die mit jedem Fortschritt des Patienten auch immer schwieriger werden – so wie Computerspiele, bei denen man auch immer in ein schwierigeres Level kommt. Gefördert wird das neuronale Trainingsprogramm vom Bundeswirtschaftsministerium.

Eine Therapie der Zukunft

Eingesetzt wird das Gerät bereits in einigen Kliniken und Reha-Einrichtungen, etwa im Klinikum Aschaffenburg oder im Medical Spa im Lanserhof am Tegernsee. Es ist nicht ganz billig – das Therapiegerät Icaros Health kostet bis zu 15 000 Euro, die abgespeckte Version für den Hausgebrauch 1990 Euro.

Eine Fachzeitschrift zur Neuro-Rehabilitation feiert das Gerät als „Game-Changer“, also als Riesenschritt für die Zukunft der Therapie. „Ich bin sehr froh. Meine Fortschritte sind dank ihm unglaublich“, findet Patient Puschacher.

Beinahe ebenso froh ist er übrigens über seine Berufsunfähigkeitsversicherung, die er zehn Jahre vor dem Schlaganfall abschloss. „Jedes Jahr sagte ich meinem Versicherungsberater, das sei doch verschwendetes Geld, aber er beharrte darauf, dass ich das leicht bezahlen könne“, sagt Puschacher. Er ist froh, dass er das auch tat, denn ohne diese Versicherung wäre zum GAU im Gehirn auch noch der finanzielle GAU gekommen, denn seinen alten Beruf musste er aufgeben.

SUSANNE SASSE

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