Oberdachstetten – Es ist ein Horror: Sieben Monate lang lebte Nadja Hofer mit einem Operationstuch im Bauch. Sie hatte schlimme Schmerzen, ging immer wieder zu Ärzten – um dann zu hören, das sei alles ganz normal. Bis dann die Ärzte im Klinikum Fürth endlich operierten und ein Tuch, so groß wie ein Geschirrtuch, aus dem Bereich des Oberbauchs entfernten.
Dieser rettenden Operation vorausgegangen waren viele Tränen: „Besonders schlimm war für mich, dass niemand mir am Anfang zu glauben schien und ich mich als Hypochonder abgetan fühlte, obwohl es mir immer schlechter ging“, sagt sie.
Es war der dritte Kaiserschnitt, den Nadja Hofer am 29. Oktober 2018 im Klinikum Ansbach machen ließ – er war medizinisch angeraten, nachdem ihre ersten zwei Kinder ebenfalls per Kaiserschnitt auf die Welt gebracht werden mussten, riet man ihr ab von einer natürlichen Geburt. „Ich hatte keine Angst – und hätte nie erwartet, dass ich beinahe sterben würde“, sagt die 35-jährige Mittelschullehrerin aus Oberdachstetten im Kreis Ansbach. Bei der Kaiserschnitt-OP ging etwas schief: Die Gebärmutter-Arterie riss, und Nadja Hofer wäre fast verblutet. Bei der Not-Operation vergaß dann der Arzt ein Bauchtuch.
Dass dieses fehlte, wurde sogar in der Dokumentation festgehalten – aber die schaute sich niemand mehr an. Selbst dann nicht, als Nadja Hofer kurz nach der Operation im Bauchraum einen Darmverschluss bekam.
Es begann eine Odyssee – die Osteopathin fühlte etwas, aber einer neuerliche Untersuchung im Klinikum in Ansbach ergab wieder einen „unauffälligen Befund“. Sieben Monate nach dem Kaiserschnitt dann musste Nadja Hofer wieder notfallmäßig in die Klinik, diesmal ging sie ins Klinikum Fürth, wo ihre Schwester als Intensivschwester arbeitete. Dort fand man dann das Tuch auf einem Röntgenbild, das schon beim Darmverschluss in Ansbach gemacht worden war. Später stellte man fest, dass in den Unterlagen der Not-Operation, die direkt nach dem Kaiserschnitt Nadja Hofers Leben gerettet hatte, bereits ein Tuch als fehlend verzeichnet war.
Die Gutachter bescheinigten den Ärzten deshalb einen „groben Behandlungsfehler“.
Außergerichtlich hat sich Nadja Hofer inzwischen mit der Klinik Ansbach über eine Schadensersatzzahlung im unteren fünfstelligen Bereich geeinigt. Unterstützt hat sie dabei die Münchner Fachanwältin für Medizinrecht Beate Steldinger.
„Auch wenn es traumatisch ist, alles bei einer Auseinandersetzung noch einmal durchleben zu müssen, rate ich allen, denen es geht wie mir, sich zu wehren“, sagt die 35-Jährige. Sie leidet heute unter massiven Verwachsungen im Bauchraum – musste allerdings unterschreiben, dass sie künftig keine weiteren Folgeschäden mehr geltend macht.
Es hat sie viel Überwindung gekostet, sich der Auseinandersetzung zu stellen. Jetzt ist Nadja Hofer froh, dass sie es geschafft hat. Neben der körperlichen Folgeschäden leidet sie auch an einer posttraumatischen Belastungsstörung. „Ich bin mir sicher, dass ich kein Einzelfall bin. Ich möchte Mut machen, sich zu wehren“, sagt sie. Am liebsten hätte sie mit den Ärzten und Schwestern, denen der Fehler unterlaufen war, selbst gesprochen. „Ich hätte ihnen gerne gesagt, was für Folgen der Fehler für mich hat und dass ich mir gewünscht hätte, man hätte mich gleich bei den ersten Beschwerden ernst genommen.“ svs