von Redaktion

VON NICOLA FÖRG

Uwe und Urs hatten kein schlechtes Leben. Im Mai bzw. August 2020 geboren tollten die beiden Halbgeschwister – sie haben den gleichen Vater – durch ihre Anlage im Münchner Tierpark Hellabrunn. „Es war toll, dass sie einander hatten. So konnten sie nach Herzenslust über die Felsen klettern, miteinander kämpfen und auch mal die erwachsenen Tiere ärgern“, erzählt Julia Knoll, Biologin in Hellabrunn, die sich vor allem mit Umweltbildung und Artenschutz beschäftigt. „Urs und Uwe waren bei frischem Futter immer die Ersten im Stall und besonders Urs war der Kletterkünstler, der mit großer Freude in die Futterraufen gesprungen ist, um darin zu fressen.“ Die Energie und die Neugier wird er brauchen können, denn Urs ist jetzt Alpinist. Sein Halbbruder Uwe auch. Und das seit dem 7. Juli, 11.30 Uhr. Urs und Uwe wurden im Hochgebirge der Stubaier Alpen ausgewildert – zusammen mit zwei „Mädels“ vom Alpenzoo Innsbruck.

Ihre Reise begann in München in Holzkisten und ging bis zur auf 1742 Metern gelegenen Oberrisstalalm, wo die zwei Steingeißen aus Tirol die Reisegesellschaft komplettierten. Von der Alm ging’s per Lastenseilbahn zur Franz-Senn-Hütte auf 2145 Metern. Die Menschen mussten laufen. Oben bot sich dann ein interessantes Bild: Vier Mal Steinwild und jede Menge Menschen, vier Tierpfleger aus München, zwei aus Innsbruck, der Innsbrucker Zoo-Kurator Dirk Ullrich, Julia Knoll, mehrere Leute der örtlichen Hegegemeinschaft der österreichischen Bundesforsten. Und dann gingen die Kisten auf. „Die Mädels waren schneller, die rannten sofort los. Die Jungs hinterher“, lacht Knoll. Der Augenblick, auf den alle so lange hingearbeitet hatten, war kurz.

Die Mädels sausten den Hang hinauf, die Münchner Kindl waren immerhin so freundlich, sich einmal umzudrehen. Urs wog zu dem Zeitpunkt 20 Kilo, Uwe acht Kilo mehr, zwei Teenager, die durchaus noch 100 Kilo schwer werden können. „Jeder der jungen Böcke folgte je einer Geiß, was ungewöhnlich ist, da sie ja noch nicht geschlechtsreif sind“, weiß Knoll. Je eine Dame und ein Bock sind besendert, man kann ihre Wege also per GPS nachverfolgen. Außerdem sind alle Tiere gechipt und haben Ohrmarken, sodass man sie mit dem Spektiv gut ausmachen kann.

Eines war von Anfang an klar: Die beiden Tirolerinnen waren besser bemuskelt, ihre Anlage in Innsbruck ist steiler und hat mehr Herausforderungen. „Aber auch Urs und Uwe werden schnell an Muskulatur zulegen, das Fell wird sich verändern als Anpassung ans Hochgebirge“, sagt Knoll. Bisher läuft alles nach Plan, die vier sind noch recht standorttreu, sie wechseln von der Sonnen- auf die Schattenseite, sie haben auch schon Kontakt mit den rund 60 heimischen Steinböcken aufgenommen. Bis Urs und Uwe einem Alttier den Rang ablaufen können und einen eigenen Harem bilden, wird Zeit ins Land gehen. Der erste Winter wird ganz entscheidend werden. Denn es ist hochnotwendig, dass zwei behütete Zootiere den Genpool erweitern.

„Man denkt bei bedrohten Tierarten automatisch an Tiger, Orang Utans oder Panda-bären. Aber auch heimische Populationen sind gefährdet. Die genetische Vielfalt sinkt, das macht krankheitsanfälliger“, erläutert Knoll. Nicht zuletzt der starken Nutzung des Alpenraums ist es geschuldet, dass die Tiere verinseln und kein natürlicher Austausch mehr stattfindet. Dass man Urs und Uwe gute Chancen einräumt, liegt auch am Wesen des Steinwildes. „Es sind Fluchttiere und ein Großteil des Verhaltens folgt den angeborenen Instinkten.“

Aber auch Urs und Uwe mussten vorbereitet werden, denn das Heu im Zoo ist anders als die Hochgebirgsvegetation! Daher wurden sie mit Bergkräutern und speziellen Gräsern langsam im Zoo an alpine Kost gewöhnt. Zudem gab es ein Kistentraining: Sie wurden in den Transportkisten gefüttert, man nahm ihnen die Scheu vor den Dingern, damit sie auf dem Transport nicht in Panik gerieten. Was perfekt geklappt hatte, sie lagen entspannt in ihren Kästen. Für den Münchner Tierpark war das ein Herzensprojekt, lange wurde nicht mehr ausgewildert, die anderen Tiere aus München gingen an andere Zoos. Denn inzwischen sind Zoos weltweit wichtige Instrumente zur Arterhaltung. „Und vor Ort sind sie Botschafter für die Idee, wie wichtig Artenschutz und Klimaschutz ist“, ist Julia Knoll überzeugt.

Interessante Links

> www.hellabrunn.de

> www.alpenzoo.at

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