Nach der fast völligen Ausrottung vor 200 Jahren leben heute wieder 28 000 Steinböcke in den Alpen

von Redaktion

RUND UM DEN STEINBOCK

. Fast ausgestorben – die Rettung des Steinbocks

Der Steinbock wurde ab dem Mittelalter stark mystifiziert, alles Verwertbare des Steinbocks – vom Blut übers Horn bis zu den Haaren – wurde in dubiose Arzneien vermengt, Mitte des 17. Jhs. war der Alpensteinbock bereits auf dem Territorium des heutigen Graubünden ausgestorben, Anfang des 19. Jhs. gab es lediglich noch um die 100 Tiere im italienischen Gran Paradiso. Der Förster Josef Zumstein und der Naturkundler Albert Girtanner konnten 1820 die Behörden im Aostatal dazu bewegen, die letzten Steinböcke zu schützen. Mit Erfolg: Ab 1821 wurden Steinböcke im gesamten Gebiet des Hauses Savoyen unter Schutz gestellt. König Viktor Emanuel bewies Weitsicht: Er machte ihren Schutz zur königlichen Aufgabe. Als aber die Schweiz – der Kanton Graubünden trägt das Tier immerhin im Wappen – immer wieder darum bat, Steinböcke in die Schweiz zu holen, lehnte das Viktor Emanuel rigoros ab. Die Folge? Man schmuggelte, züchtete in einem Wildpark bei St. Gallen und wilderte 1911 aus. Dieses mickrige Häuflein der letzten 100 aus dem Aostatal sind die Urahnen aller rund 28 000 Steinböcke, die heute in den Alpen leben – die Hälfte davon in der Schweiz. Sie sind auch die Urahnen von Urs und Uwe!

. Großartige Anpassung

Der Steinbock ist das größte, dauerhaft im Hochgebirge lebende Tier. Anders als das Rotwild oder auch die Gämse zieht er nicht in die schützenden Waldregionen hinunter! Die Böcke bilden außerhalb der Brunftzeit Männer WGs und die Jungspunde schauen sich bei den Alttieren ab, wie man im Winter überlebt, wie man klettert. Feind ist der extreme Winter oder der Absturz. Bartgeier suchen Reviere, in denen es Steinböcke gibt, denn als Aasfresser sind sie auf abgestürzte Jungtiere angewiesen, der Adler kann auch andere Beutetiere schlagen. Das Überleben ist mühsam, zumal die Reproduktionsrate gering ist. Unwirtlich und gefährlich sind die Hochalpen: Unwetter, Steinschlag, Glatteis, Lawinen und Sturm fordern ihren Tribut, ein Drittel der Jungtiere überlebt den ersten Winter nicht. Am faszinierendsten ist ihre Strategie im Winter: Statt abzusteigen, klettern sie höher hinauf zu jenen Flächen, die der Wind frei bläst. Wirklich fatal wird es, wenn Eis den Boden überzieht. So einen Eispanzer können die Tiere nicht mit den Klauen freischlagen.

. Ein Wahrzeichen der Benediktenwand

Ein Einzelgänger aus dem Karwendel war wohl gut zu Fuß und geriet so Ende der 1950er-Jahre an die Benediktenwand. Er blieb, im Jahr 1967 ließen Tölzer Jäger zwei Geißen und zwei Böcke aus der Schweiz einfliegen. Die vermehrten sich gut, schon 1998 wurden 150 Exemplare gezählt. Seitdem werden es weniger. Nun ist die „Benewand“ generell ein merkwürdiger Lebensraum für Steinböcke. 1800 Meter ist ja keine Höhe für ein Tier, das über 2500 Metern lebt. Und dann ist die Wand eben hohem Freizeitdruck durch Wanderer und Paraglider ausgesetzt, sie können keine Rudel mehr bilden, auch hier wird der genetische Flaschenhals zu eng. Der Plan ist nun, im Laufe der nächsten zwei Jahre zehn Tiere aus der Schweiz einzubürgern. Der Bayerische Jagdverband will die Kosten tragen, nicht um zu schießen, sondern nur aus Faszination für das Tier. Steinböcke unterliegen dem Jagdrecht, sind aber streng geschützt.

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