Hannover – Die Hepatologie ist im gesundheitlichen Vorsorgebewusstsein angekommen: Seit dem 1. Oktober 2021 haben gesetzlich Versicherte ab 35 Jahren im Rahmen des Präventionsprogramms „Gesundheitsuntersuchung“, vormals als „Check-up 35“ bezeichnet, den Anspruch auf ein einmaliges Screening auf eine Hepatitis-B- und Hepatitis-C-Virusinfektion.
Im Juli 2021 veröffentlichte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) alarmierende Zahlen: Weltweit stirbt alle 30 Sekunden ein Mensch an einer hepatitisbedingten Krankheit – auch in der aktuellen Corona-Pandemie. Die WHO geht davon aus, dass weltweit schätzungsweise 354 Millionen Menschen eine chronische Hepatitis B und C haben. Diese beiden Krankheiten stellen eine der Hauptursachen für Leberzirrhose und Leberzellkrebs dar und verursachen jedes Jahr über 107 000 Todesfälle in der Europäischen Region. Diese Todesfälle können durch die Impfung aller Säuglinge gegen Hepatitis B sowie mit gezielten Teststrategien und der Behandlung von Hepatitis B- und Hepatitis C-Virusinfektionen vermieden werden.
WHO-Schätzungen zufolge wussten 2019 nur 21 Prozent der Menschen mit chronischer Hepatitis C von ihrer Infektion und bei Hepatitis B waren es nur zehn Prozent. Es ist davon auszugehen, dass auch in Deutschland viele Betroffene nichts von ihrer Erkrankung wissen. Und durch die Corona-Pandemie wurden die Bemühungen, Hepatitis B und C bis 2030 einzudämmen, weltweit zurückgeworfen. Dass Versicherte in Deutschland ab dem vollendeten 35. Lebensjahr seit dem 1. Oktober 2021 das Recht auf ein einmaliges Hepatitis-Screening in Anspruch nehmen können, wird von den Ausrichtern des Deutschen Lebertages begrüßt und als ein wichtiger erster Schritt in die richtige Richtung für mehr Lebergesundheitsbewusstsein gewertet, erklärt Prof. Dr. Michael P. Manns, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Leberstiftung.
„Eines der Ziele, die der Deutsche Lebertag verfolgt, ist die Verbesserung der Früherkennung von Lebererkrankungen. In den meisten Fällen können Leberschädigungen oder Lebererkrankungen bereits in einem frühen Stadium nachgewiesen und erfolgreich behandelt werden. Mit der Erweiterung der Gesundheitsuntersuchung für Versicherte ab dem vollendeten 35. Lebensjahr um ein einmaliges Screening auf Hepatitis B und C ist die Hepatologie endlich im gesundheitlichen Vorsorgebewusstsein angekommen – jetzt muss man nur noch dafür werben, dass diese Untersucbhung auch gemacht wird“, betont Manns. Zum anderen brauche es Konzepte, die konsequente Untersuchungen von Risikobevölkerungsgruppen beinhalten, die nicht den Gesundheitscheck wahrnehmen. Damit die erfolgreichen Therapien eingesetzt werden können, ist eine Identifizierung der Betroffenen notwendig. Solange die Infizierten nichts von ihrer Erkrankung wissen, können sie nicht behandelt werden und andere anstecken. Daher ist die Identifizierung von Erkrankten eine wichtige Voraussetzung für das Erreichen der weltweiten Ziel-Vorgabe der Weltgesundheitsorganisation: Die Elimination der Hepatitis B und C bis 2030.
Theoretisch sind die Voraussetzungen für eine Zielerreichung gut: Gegen Hepatitis B gibt es eine wirksame Schutzimpfung, die Hepatitis C ist heute mit einer kurzen, nahezu nebenwirkungsfreien Therapie fast immer heilbar. Die Ausrichter des Deutschen Lebertages bedauern, dass sich das Plenum des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) nicht darauf verständigen konnte, das Virushepatitis-Screening bereits ab einem Alter von 18 Jahren einzuführen – was angesichts der vielen unerkannt Erkrankten sehr wünschenswert wäre.
Im Vorfeld des 22. Deutschen Lebertages am 20. November 2021 begrüßen die Ausrichter – Gastro-Liga e. V., Deutsche Leberhilfe e. V. und Deutsche Leberstiftung – das neue Vorsorgeangebot ausdrücklich. Gleichzeitig fordern die Ausrichter alle Anspruchsberechtigten dazu auf, sich bei der nächsten Vorsorgeuntersuchung auf Hepatitis testen zu lassen und gemäß dem Motto des diesjährigen Deutschen Lebertages: „Deine Leber. Dein Leben.“ Verantwortung für das lebenswichtige Organ zu übernehmen. svs/mm