Vor 50 Jahren hatten oberbayerische Dörfer eine Telefonzelle, einen Tante-Emma-Laden und mindestens einen Hund, der durch die Gassen streifte. Und es gab Gänse, die am Dorfteich schnatterten. Sie waren robust und gesprächig. Heute sieht man kaum noch größere Gänseherden. Und wie bei vielen anderen Nutztieren starben die alten Landrassen aus, auch die Bayerische Landgans, die es einst im ganzen Süddeutschen Raum gab. In jüngerer Zeit war es auch das Freilandhaltungsverbot im Zuge der Vogelgrippe, die immer mehr Interessierte abschreckte. Heute ist die traditionsreiche Rasse bei der „Gesellschaft zur Erhaltung alter und gefährdeter Haustierrassen“ (GEH) unter der Kategorie I (extrem gefährdet) auf der Roten Liste der gefährdeten Nutztierrassen gelistet.
Die wilde Stammform aller europäischen Gänserassen ist die Graugans, die Bayerische Landgans sieht ihr noch sehr ähnlich. Der Bund Deutscher Rassegeflügelzüchter (BDRG) erkennt sie als Rasse gar nicht an und doch gibt es die Regionalschläge Frankengans, Rhöngans, Maingans, Ulmer Gans und Oberbayerische Gans. Es gibt diese Landgans in diversen Farbschlägen. Alte Bauern erzählen, dass die verschiedenen Farben sinnvoll waren: Jeder Bauer hatte nur einen bestimmten Farbschlag, er kannte seine Gänse dann an der Farbe, wenn sie mit dem Gänsehirten und all den anderen Gänsen auf die Weiden in der Nachbarschaft zogen.
Der Gans wird es ziemlich egal sein, wenn Menschen über Rassen streiten. Sie ist in jedem Fall ein stolzes Tier: Bis zu sieben Kilo schwer, voll flugfähig, aber auch sehr heimatverbunden – sie kommt abends zu ihrem Stall zurück. Ihre Haltung ist wenig aufwendig, sie sucht ihr Futter hauptsächlich selbst. Sie brütet zuverlässig, im Frühjahrsgelege können bis zu zwölf Eier liegen.
Einer, der das wieder zu schätzen weiß, ist Anton Dapont vom Hausberghof im Rottal. Inmitten der biologischen Landwirtschaft samt Jausenstation ist auch wieder die Bayerische Landgans unterwegs. „Die Rasse ist robuster, hat besseres Fleisch und ist sehr autark“, lacht er. Er hatte auch mit Mastgänsen gearbeitet, musste aber feststellen, dass die ersten acht Wochen im Stall sehr störungsanfällig sind, dass man Zäune brauchte und einen temporären Teich. Mit der alten Landrasse hat man Tiere, die selber brüten, ihr Futter selber suchen und die frei unterwegs sind. „Sie brauchen natürlich Wasser, allerdings weniger als Enten. Wichtig ist das Wasser vor allem, damit sie den Kopf eintauchen können, das ist wichtig für ihre Augen“, sagt der Fachmann. Bis Ende Oktober leben sie ein freies Leben, erst die letzten ein, zwei Monate wird ein wenig zugefüttert.
„Die Gans hat dann drei bis vier Kilo und festes, sehr geschmackvolles Fleisch.“ Grund, warum alle Gänse heuer schon reserviert sind. Und auch die Schlachtung selbst erfolgt so stressfrei wie möglich: Die Tiere werden im Dunkeln eingefangen, gehen in eine Transportbox und werden dann in Landau in einem EU-zertifizierten Bio-Betrieb geschlachtet.
So machen das auch die Fischers in Hohenfurch (Lk. Weilheim-Schongau). Ihre Gänse sind Hausgänse, die als Küken aus Westfalen kommen. 200 Tiere haben dann ein freies Leben auf den Wiesen, sie leben in kleinen Gruppen und sind extrem solidarisch. „Sie haben eine ungeheuer faszinierende Sozialstruktur“, sagt Barbara Fischer. „Als wir wegen der Vogelgrippe aufstallen mussten und Gruppen verändern, gaben einige Warnrufe ab und fraßen nichts mehr. Auch nur ein, zwei Tiere aus der Gruppe herauszunehmen, stresst sie ungemein.“ Und wer die Freiheit kennt, für den wäre ein Winter im Stall der pure Horror. Auch deshalb ist es klar, dass diese Tiere Weihnachtsgänse werden. „Wir schlachten immer alle auf einmal. Wenn sie in der Nacht ruhig sitzen, gehen wir mit einer Lampe rein, verladen sie paarweise in Boxen, fahren zum Schlachthof, wo noch in der Nacht geschlachtet wird“, sagt Barbara Fischer. Es ist EU-Recht, dass die Tiere vorm Schlachten betäubt werden müssen, in dem Fall werden sie elektrisch betäubt und dann in einem Strombad getötet. Bis dahin sind keine vier Stunden vergangen. Töten bleibt natürlich töten, aber der Verbraucher kann durch sein Einkaufsverhalten Betriebe unterstützen, wo dies schnell und würdevoll geschieht.