Rumänien hat viele schöne und sehr verstörende Seiten. Dazu zählt das Elend der Streuner, das nirgends dramatischer ist als in dem osteuropäischen Land. Wahllos und grausam hat man Hunde eingefangen und getötet, bis ein Tierschutzgesetz dem Treiben zunächst ein Ende setzte. Doch 2013 wurde ein Kind von einem Streuner tödlich verletzt, seither läuft „die Tötungsmaschinerie wieder“, sagt Manuela Rowlings. „Getötet wird von privaten Firmen, die natürlich nicht wollen, dass ihnen die Arbeit ausgeht“, erläutert die Leiterin der Streunerhilfe von „Vier Pfoten“ für Europa und Osteuropa. Das klingt zynisch, ist aber Realität. Erschwerend kommt hinzu, dass jeder Bürgermeister entscheiden kann, wie bei ihm mit Streunern verfahren wird.
Carolin Figge hat einen differenzierten Blick auf das Land. „Ein großer Anteil der Bevölkerung lebt in Armut und teilweise ohne fließendes Wasser und Strom. Je weiter man nach Osten fährt, desto schlimmer werden die Zustände und damit auch der Umgang mit Tieren“, erklärt die Tierschützerin, die für die Organisation „Spitz & Pawtners“ in Rumänien aktiv ist. „Tiere sind Nutztiere und sobald sie keinen Nutzen mehr haben, werden sie nicht mehr versorgt. Man kann es den Leuten kaum verübeln, denn sie haben ja nicht einmal Geld, um ihre Familie zu versorgen. Wir haben es auch erlebt, dass wir Tiere kostenlos kastrieren wollten, die Besitzer sich aber dagegen entschieden haben. Es herrscht viel Irrglauben, beispielsweise, dass kastrierte Tiere nicht so viel wert sind wie unkastrierte, oder dass Verbrennungen der Haut dazu führen, dass die Tiere von der Infektionskrankheit Parvo verschont bleiben.“ Und doch passiert etwas. „Es gibt Menschen, die sich vor Ort einsetzen und die etwas bewegen. Wir denken, dass man durch die öffentlichen und sozialen Medien eine Menge erreichen kann. Gerade Facebook wird in Rumänien und Ungarn viel genutzt. So sammelt eine Rumänin über ihre eigene Organisation Spenden für Kastrationsveranstaltungen, sodass in den beiden letzten Jahren viele Hunde kastriert werden konnten“, sagt Carolin Figge.
Dann half auch der Fußball weiter: „In der rumänischen Premier League liefen die Kicker nicht mit Kindern an der Hand ein, sondern mit Mischlingswelpen auf dem Arm. „Adopt Love“ (Adoptiert Liebe) stand auf den Lichttafeln im Stadion“, freut sich Rowlings. Es sind kleine Schritte, es braucht Zeit und Geduld.
Ähnlich denkt Tierärztin Dorothea Friz. Die Gründerin der „Lega Pro Animale“, betreibt seit 40 Jahren Tierschutz in Süditalien. „Als ich 1995 meinen ersten Einsatz in einer Schule hatte, wussten die Kinder gar nichts über Kastration. Heute sind es die Schüler, die den Eltern sagen, dass sich Hunde und Katzen nicht unkontrolliert vermehren sollen. Es geht runter wie Öl, wenn sich die anderen Schüler über ein Kind aufregen, das erzählt: Wir lassen die Hündin nicht kastrieren, der Opa vergräbt die Welpen im Garten.“ Großes Problem bleibt aber das Geld. „In Caserata, einer Provinz in Kampanien, kostet die Kastration einer Kätzin bei privaten Tierärzten 250 Euro, ein Hund auch 800 Euro. Ein Arbeiter mit einem Durchschnittsgehalt von 1200 Euro kann sich das nicht leisten. Zudem ist es noch Tradition, Hunde frei herumlaufen zu lassen. Und die vermehren sich.“ Doch zur Erinnerung: Es ist gar nicht so lange her, da war es auch hierzulande normal, dass Hunde streunten oder an der Kette Haus und Hof bewachten. „In Kampanien ist es zwar seit wenigen Jahren per Gesetz verboten, Hunde an der Kette zu halten. Allerdings wird die Durchsetzung nicht kontrolliert.“
Eine Krux in vielen Ländern: Nur wo die Regierung mitzieht, klappt Tierschutz. „Bulgarien verbietet inzwischen Tötungsstationen“, erklärt Rowling. „Vor 12 Jahre gab es in Sofia 12 000 Streunerhunde, mit den Kastrationsprojekten sind es weniger als 1000.“ Aber eben nur in der Stadt. „Am Land leben Menschen ohne Auto, sie werden kaum mit der Pferdekutsche zum Tierarzt fahren.“ Und in Bulgarien sieht man nun zwar auf die Hunde, nicht aber auf Katzen. Die Populationen explodieren. Das ist in vielen osteuropäischen Ländern so. Über Hunde beginnt man nachzudenken, auch weil sie beißen können und Tollwut übertragen. Katzen werden vergessen und verelenden mehr und mehr.