München – Knapp 450 Lehrkräfte, Schulpsychologen und Schulsozialarbeiter von etwa 350 Gymnasien, Real- und Mittelschulen in Bayern haben die Fortbildung bereits absolviert und können das Programm im Unterricht umsetzen. So zum Beispiel am Wilhelm-Hausenstein-Gymnasium in München: „Es geht uns darum, die Kompetenzen der Schüler zu stärken. Sie sollen Empathie gewinnen, sie sollen wissen, wie man sich sozial verantwortlich verhält, und es ist uns wichtig, dass sie auch Courage entwickeln, Courage im Netz, das ist uns wirklich ein Herzensanliegen“, sagt Schulleiter Uwe Barfknecht. Vorteil des Programms sei, dass es sich in den normalen Unterricht integrieren lasse und den Kindern zudem Spaß mache.
Dass es notwendig ist, Kinder gegen Cybermobbing zu stärken, zeigt der Alltag an jeder Schule: „Cybermobbing ist an jeder Schule ein Thema“, sagt Petra Kiehl, Lehrerin am Wilhelm-Hausenstein-Gymnasium: „Ich hoffe, dass wir das Bewusstsein erhöhen können und den Kindern Mittel an die Hand geben können, dass sie das einsortieren können und wissen, wann es zu viel wird für sich selbst und dass sie sich dann notfalls Hilfe holen.“
Cybermobbing ist ein wichtiges Thema, das jeden betrifft. Die Fakten: Etwa jeder zweite Jugendliche wurde bereits per Smartphone oder im Internet beleidigt. Genauer: 58 Prozent der Zwölf- bis 19-Jährigen geben an, Hassbotschaften begegnet zu sein, 47 Prozent wurden mit beleidigenden Kommentaren konfrontiert. Dies ergab die JIM-Studie von Dezember 2021 des Medienpädagogischen Forschungsverbundes Südwest. Etwa 94 Prozent der Zwölf- bis 19-Jährigen in Deutschland besitzen ein eigenes Smartphone. Und die Kinder und Jugendlichen sind mit diesem jeden Tag durchschnittlich rund vier Stunden online.
Mehr als 17 Prozent aller befragten Schüler waren schon einmal Opfer von Cybermobbing – das absichtliche Beleidigen, Bedrohen, Bloßstellen oder Belästigen anderer mithilfe von Internet und Handydiensten über einen längeren Zeitraum hinweg. In absoluten Zahlen entspricht das fast zwei Millionen Schülern, die beschimpft oder beleidigt wurden.
Die Attacken gehen häufig in WhatsApp-Gruppen oder Klassen-Chats weiter oder fangen erst dort an. Das Tückische: Bei Cybermobbing kann jeder mitlesen und jeder kann mitmachen. Im Internet wird die Beleidigung zudem dokumentiert. Monate später ist der Eintrag noch immer für alle sichtbar und für Betroffene damit umso verletzender.
„Cybermobbing kann zu massiven Problemen führen – von Kopf- oder Bauchschmerzen, Angststörungen, Depressionen bis hin zu Suizidgedanken“, weiß Univ.-Prof. Dr. Herbert Scheithauer, Entwicklungspsychologe an der Freien Universität Berlin. Um Schülern und Lehrkräften Hilfestellungen zu geben, wie sie aktiv gegen Hass und Ausgrenzung im Netz vorgehen können und sich sicher im Netz bewegen, hat er mit seinem Team das wissenschaftlich geprüfte und vom „Weißen Ring“ empfohlene Präventionsprogramm „Medienhelden“ entwickelt. Es richtet sich an Schüler der 7. bis 10. Klassen. Bereits seit Ende 2018 bringt die Mobil Krankenkasse das Programm an Gymnasien, Real- und Mittelschulen in Bayern, indem sie Fortbildungskosten übernimmt.
Über Rollenspiele üben die Schüler bei Medienhelden, sich in andere hineinzuversetzen. Sie nehmen verschiedene Perspektiven ein – Opfer, Täter oder Mitläufer. Sie berichten von ihren Gefühlen, Gedanken, Wünschen und Handlungsspielräumen, die sie in der jeweiligen Rolle hatten. Die Schüler erleben Reaktionen auf ihr Verhalten und lernen, zu erkennen, wann jemand zum Opfer wird und wie sie eingreifen können.