von Redaktion

VON NICOLA FÖRG

In Europa haben sich Arten eingeschlichen, die man sonst wo vermuten würde, in Asien oder Afrika, aber doch nicht in Italien oder Spanien? Doch mit der zunehmenden Globalisierung nahmen auch der Handel, der Verkehr und das Reisen zu und Organismen wurden und werden über die natürlichen Grenzen hinaus transportiert. Tiere kommen in Lkw, in Obstkisten, in Pflanzen oder in Wassertanks. Es sind rund zehn Milliarden Tonnen Ballastwasser, die jährlich über die Weltmeere und Flüsse bewegt und ausgetauscht werden, nur logisch, dass da so einiges mit hereinschwappt. Man spricht von gebietsfremden Arten, die absichtlich oder unabsichtlich vom Menschen aus ihrem natürlichen Verbreitungsgebiet in ein anderes gebracht werden.

Als „invasiv“ werden gebietsfremde Arten bezeichnet, wenn sie sich rasch und unkontrolliert ausbreiten und nachteilige Folgen für die heimischen Ökosysteme haben. In Europa kommen rund 12.000 (!) gebietsfremde Arten vor – Tiere, Pflanzen, Pilze und Mikroorganismen. Nur 10 bis 15 Prozent davon werden als invasiv angesehen. Entscheidend ist es aber, dass sich Halter von Exoten bewusst machen, dass man solche Tiere nicht einfach aussetzen kann und darf!

>> Istrice in Italien Claudia aus München war auf dem Weg zum gemieteten Ferienhaus in den Marken. Verfuhr sich, dunkel wurde es auch schon. Entnervt stieg sie aus und im Lichtkegel stand etwas. Ein Monster, das geblendet war und grunzte. Und es schien angreifen zu wollen. Claudia floh in ihr Auto und zweifelte stark an ihrem Verstand. Als sie das Haus schließlich doch fand und eine Vermieterin gleich dazu, wollte die sich ausschütten vor Lachen. Das sei doch nur ein Stachelschwein gewesen. Bitte was? Aber ja: Vor allem in der Toskana, in Umbrien und in den Marken leben Stachelschweine, auf Italienisch „istrice“. Sie gehören der Familie von Nagetieren an und sind mit Körperlängen von bis über einen Meter ganz schöne Brocken. Die Stacheln auf dem Rücken und am Schwanz haben sich aus umgewandelten Haaren entwickelt und bestehen aus Keratin. Anders als die meisten Säugetiere bilden Stachelschweine monogame Paare, die mit ihrem gemeinsamen Nachwuchs Familiengruppen bilden und in Erdbauten leben. Die Italiener unter den Stacheltieren sind alles Nachkommen der ersten Paare, die von den alten Römern aus Afrika importiert wurden. Die Römer hatten sie wegen des Fleisches geholt, die Abkömmlinge Jahrhunderte später leben recht gut im Stiefelland. Sie haben kaum natürliche Feinde, streifen umher und lassen sich Obst, Nüsse, Samen und Insekten schmecken. Da sie ganz großartige Tunnelbauer sind, untertunneln sie elegant so manchen Zaun – und rein in die leckeren Wein- und Gemüsegärten. Wobei man zur Ehrenrettung der Stacheltiere sagen muss, dass sie weit weniger Schäden anrichten als die Wildsäue, die marodierend durch Italien ziehen.

Stachelschweine sind eher heimlich unterwegs, am ehesten sieht man sie bei Sonnenuntergang und in den frühen Morgenstunden. Sie haben ein sehr gutes Hörvermögen, feinfühlige Pfoten und einen hervorragenden Geruchssinn. Ihr Sehvermögen ist nicht so toll. Wenn sie sich bedroht fühlen und den Feind nur verschwommen sehen können, richten sie ihre Stacheln auf und rasseln. Ziemlich beeindruckend!

Stachelschweine sind Sohlengänger, das heißt sie treten mit dem gesamten Fuß auf, was zu einer wackeligen Gangart führt. Aber Vorsicht: Sie können damit ganz schön schnell werden. Allerdings werden die wenigsten Urlauber in Verlegenheit kommen, die Nagetiere zu sehen. Wenn überhaupt, findet man ab und zu abgeworfene Stacheln: Sicher darf man sich aber nirgends in Italien sein: Sie wandern nordwärts und wurden schon am Lago Maggiore gesichtet – quasi vor den Türen der Schweiz.

>> Langnasen auf Malle Mallorca hat eine große Anziehungskraft, sei es für Urlauber oder Auswanderer. Die Mallorquiner mögen nicht alle Immigranten und darunter sind auch tierische, die nicht jeder prickelnd findet. Da wären im Nordosten, rund um Artà die Hufeisennattern, völlig harmlos, aber es gibt halt genug Schlangenphobiker. Und sie kamen mit Zierpflanzen, weil sich Fincabesitzer ausgewachsene Olivenbäume in die Gärten setzen ließen. Und die knallgrünen Mönchssittiche, die ursprünglich in Südamerika beheimatet sind, nisten im Bellver-Park in Palma. Laut, aber ungefährlich. Aber das sind ja vergleichsweise kleine Tiere, auffälliger ist da doch der Nasenbär. Der gehört nun wirklich nicht ins Tramuntana-Gebirge. Wahrscheinlich hat ein Mensch die exotischen Vierbeiner ausgesetzt. Familie Nasenbär fand es wohl recht angenehm auf Malle. Und da es keine natürlichen Feinde gibt, sollen schon 50 Nasenbären munter durch die Berge ziehen. Allerdings mag der bärige Typ frisch gelegte Eier, was für seltene heimische Vogelarten zum Problem wird. Darum ist der Nasenbär nun zum Abschuss freigegeben und Wanderer im Tramuntana sollen die Bären denunzieren, wenn sie ein Exemplar sehen…

>> Heimlich durch England Der Chinesische Muntjak hat grad mal eine Schulterhöhe von 50 Zentimetern und wiegt 14 bis 15 Kilo – ein Zwergerl von einem Hirsch. Die Art kommt natürlich im zentralen und südlichen China sowie in Taiwan vor, wurde aber zu Beginn des 20. Jahrhunderts in England eingeführt. Nicht eben schlau, aber er wurde von Jägern importiert, die eine Herausforderung in seiner Jagd sahen. Natürliche Feinde hat der Hirsch nicht. Man nimmt an, dass es mittlerweile eine Population von 50 000 Tieren gibt. Sein Erfolg kommt auch von der versteckten Lebensweise und der geringen Größe. Man sieht sie erst, wenn sie bereits eine größere Population aufgebaut haben. Auch in Schleswig-Holstein gibt es inzwischen Muntjaks – und sie sind als invasive Art zum Abschuss freigegeben…

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