München – Emil Kraeplin legte den Grundstein für die Psychologie und die Erforschung von Geisteskrankheiten in München in München. Er starb im Alter von 69 Jahren in München, wo er zuvor das Max-Planck-Institut für Psychiatrie (MPI) sowie die Psychiatrische Klinik der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU) gründete. Im Jahr 1899 prägte er den Begriff „Dementia praecox“ – und galt später dann eigentlich als widerlegt.
Nun aber, 120 Jahre später, haben zwei Münchner Forscher herausgefunden, dass Emil Kraeplin schon Recht hatte, zumindest teilweise. Sie haben erstmals Ähnlichkeit zwischen Demenz und Schizophrenie nachgewiesen. Nikolaos Koutsouleris und Matthias Schroeter, die beide Forscher und Ärzte sind, griffen sogar bewusst auf die Idee Kraeplins zurück, auch wenn diese als widerlegt galt.
Kraeplin glaubte, dass bei frontotemporaler Demenz – das ist eine seltene Form der Demenz, bei der Nervenzellen vor allem im Stirn- und Schläfenbereich untergehen, genau gesagt im frontalen und temporalen Lappen – der Grund für den massiven geistigen Verfall der meist jungen Patienten in den vorderen Gehirnbereichen liegt. In diesen Hirnbereichen werden die Persönlichkeit, das Sozialverhalten und die Empathie gesteuert. Kraeplin prägte den Begriff „Dementia praecox“. „Das war seine Definition für junge Erwachsene, die sich immer stärker aus der Wirklichkeit zurückziehen und in einen irreversiblen, demenzähnlichen Zustand verfallen. Kraepelin erlebte noch die Widerlegung seiner Definition, schon Anfang des 20. Jahrhunderts ging man dazu über, den Begriff „Schizophrenie“ für diese Patienten zu gebrauchen, da die Erkrankung nicht bei allen einen derart schlechten Verlauf nimmt.
Jetzt aber ist Kraeplins Ehre posthum gerettet, denn nun steht fest, dass er zumindest teilweise Recht hatte. Psychiater Nikolaos Koutsouleris, der an Kraepelins Wirkungsstätten, dem MPI und der LMU, tätig ist, beschäftigt sich seit 15 Jahren mit der Frage, die Kraeplin aufwarf. Nun können er und sein Kollege Matthias Schroeter beweisen, „dass Kraeplin zumindest bei einem Teil der Patienten richtig lag“, resümiert Schroeter. Heute bzw. in naher Zukunft bedeutet das, dass Experten vorhersagen können, ob die Betroffenen zu der Gruppe gehören, bei denen sich die Erkrankung verbessern kann, oder ob schlechte Aussichten dafür bestehen. „Dann kann man frühzeitig eine intensive therapeutische Begleitung einleiten, um verbliebene Genesungspotenziale auszuschöpfen“, fordert Koutsouleris. Außerdem könnten neue personalisierte Therapien für entwickelt werden, die die Entwicklung und Vernetzung der betroffenen Neuronen mit anderen Teilen des Gehirns fördern und sie vor dem Untergang schützen. Kraeplins Ideen geben neue Hoffnungen. SUSANNE SASSE