„Hightech lässt mich wieder hören“

von Redaktion

Wie der Münchner Gunther Joppig von einem Cochlea-Implantat profitiert

München – Das Gehör lässt stark nach, selbst mit einem Hörgerät versteht man andere nicht mehr: Was tun? Ein Cochlea-Implantat könnte helfen. Diese Technik, die direkt den Hörnerv stimuliert, leistet in solchen Fällen Erstaunliches – wie bei dem Münchner Musiker und Musikwissenschaftler Dr. Gunther Joppig, der sich im Uniklinikum rechts der Isar operieren ließ. Sein neues Implantat brachte ihm endlich wieder die Welt der Töne und Klänge zurück.

Das Gerät, das ihn wieder hören lässt, trägt Gunther Joppig (79) hinter dem rechten Ohr. Man könnte es für ein normales Hörgerät halten, wäre da nicht das kurze Kabel, das zu einer dünnen runden Scheibe führt, etwa so groß wie eine Euromünze – eine Übertragungsspule, die hinter dem Ohr zu haften scheint; ein Magnet hält sie an ihrem Platz. Das Gegenstück ist unter der Haut implantiert. Von ihm führen Elektroden in die Schnecke im Innenohr. Sie erzeugen elektrische Felder, die direkt auf den Hörnerv einwirken.

Eine Handvoll Elektroden – sie ersetzen mehr als 3000 Sinneshärchen im Innenohr und bringen so das Hören zurück. Und damit „pure Lebensqualität“ für Joppig, der selbst Musiker ist. Nach einer langen Ärzte-Odyssee fürchtete er schon, er sei endgültig zur Taubheit verdammt – bis er schließlich zum Hörzentrum München des Klinikums rechts der Isar kam. Seit August 2021 ist nun alles anders.

Operation dauerte zwei Stunden

Vor gut einem Jahr wurde Joppig das Implantat in einer zweistündigen Operation eingesetzt, dann folgte eine Zeit des Trainings. „Viele Hausärzte wissen leider nicht über die Möglichkeit einer Cochlea-Implantation Bescheid“, sagt Prof. Hans Peter Niedermeyer, Leiter des Hörzentrums München und Joppigs Arzt. Er weiß, dass Joppig kein Einzelfall ist – und er weiß auch, dass das Implantat für viele die Rettung ist. Auch für seinen Patienten Joppig. Denn: die Musik, die Klänge und Töne haben Joppig ein Leben lang begleitet.

Er hat Oboe und Musikwissenschaften studiert und lehrte 1983 gerade Musik an einem Gymnasium, als ihn das Schicksal schwer traf: Hörsturz! Das rechte Ohr blieb seitdem „so gut wie taub“, erzählt Joppig. Er ließ sich damals aber nicht unterkriegen, es gab ja noch das linke Ohr. Joppig promovierte, machte Karriere, kam 1987 als Leiter der Musik- instrumentenabteilung ans Münchner Stadtmuseum. Doch kurz nach seiner Pensionierung 2008 ließ auch das Hörvermögen des linken Ohrs nach – „wahrscheinlich altersbedingt“, so Joppig. Nun trug er zwei Hörgeräte und stieß damit an Grenzen. „Musik, vor allem Harfe und Klavier, klangen damit scheußlich“, erinnert er sich.

Noch schlimmer: Das Hörvermögen ließ weiter nach – trotz der Hörgeräte. Eine Einladung bei Freunden machte Joppig dann endgültig klar, dass etwas geschehen muss: „Da wurden Reden gehalten, und ich habe überhaupt nichts verstanden“, erinnert er sich. „Und unterhalten konnte ich mich auch nicht.“ Eine riesige Belastung, für ihn und seine Familie, Joppig zog sich immer mehr zurück.

Inzwischen ist er wieder vollkommen in seinem Alltag integriert – dank des Implantats. An das Hören mit dem Gerät musste sich Joppig dabei erst gewöhnen. „Die wesentliche Leistung erbringt dabei das Hirn“, erklärt Mediziner Niedermeyer. Es müsse lernen, mit den neuen Signalen zurechtzukommen, die der Sprachprozessor hinter dem Ohr nach komplizierten Algorithmen erzeugt. Das gelinge umso rascher, je präsenter die Hörerinnerung noch sei. „Wir machen deshalb sehr detaillierte Voruntersuchungen, um dies abschätzen zu können“, sagt Niedermeyer. Nach der OP, die in Bayern in elf Kliniken angeboten wird, ist nach den Worten des Spezialisten neben der Mitarbeit des Patienten auch die lebenslange Nachsorge durch ein Team aus Ärzten, Ingenieuren, Sprachheiltherapeuten, Audiometristen und Hörakustikern für den Erfolg ausschlaggebend.

Für Joppig, der sein Leben lang gelernt hat, genau hinzuhören, steht der Erfolg längst außer Frage. „Ich konnte schon in der ersten Sitzung Worte verstehen“, erzählt er. Inzwischen sind Gespräche wieder möglich, sogar auf Englisch. Die Nachrichtensprecher im Fernsehen versteht er gut, bei Filmen gibt es noch leichte Abstriche. Ebenso beim Telefonieren. Was ihn glücklich macht: Die Freude an der Musik ist zurückgekehrt! „Harfe und Klavier klingen wieder so, wie ich sie in Erinnerung habe“, schwärmt der 79-Jährige. Seit Kurzem gibt er sogar wieder Klarinettenunterricht. „Daran wäre vor der OP nicht zu denken gewesen“.

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