von Redaktion

VON DOMINIQUE SALCHER

Baumschläfer sind eigentlich putzige, mausgroße Säugetiere, die in südosteuropäischen und vorderasiatischen Wäldern leben. Doch nicht um die gefährdete Tierart geht es in diesem bemerkenswerten Buch, sondern um Jugendliche, die noch mehr gefährdet sind, weil sie auf der Straße leben müssen. Christian Dudas Roman basiert auf einem grausigen Ereignis, das 2017 durch die Presse ging: Ein 17-jähriger Obdachloser wurde erfroren in einem Baum gefunden, in dem er Zuflucht gesucht hatte. Tatsache ist auch, dass in Deutschland etwa 40 000 Jugendliche mehr oder weniger ständig auf der Straße leben. Die Dunkelziffer ist extrem hoch, weil die Jugendlichen von keiner Behörde erfasst werden.

Duda erzählt in „Baumschläfer“ ungeschönt vom Dasein als Obdachloser: Der 14-jährige Marius wird aus seinem vertrauten Leben hinauskatapultiert, als sein Vater seine Mutter tötet und er schwer verletzt überlebt. Zusammen mit seiner jüngeren Schwester wird er in einer Einrichtung für Jugendliche untergebracht. Beide Kinder sind zutiefst traumatisiert, können über das Geschehene nicht reden. Schleichend verläuft der Prozess, in dessen Verlauf Marius aus dem System fällt. Er kapselt sich ab, begeht immer häufiger Diebstähle und haut schließlich aus dem Heim ab. Die Straße verspricht anfangs noch Freiheit, doch schon bald spürt Marius die ganze Härte der Obdachlosigkeit. Er hungert, er stinkt und erfährt Gewalt. Immer wieder trifft er auf Menschen, die ihm helfen wollen. Aber Marius vertraut keinem Erwachsenen mehr.

„Baumschläfer“ beschreibt in drastischer Sprache ein zerstörtes Leben und geht auch deshalb besonders nahe, weil es aus Marius’ Sicht verfasst ist. Es ist kein Buch für Zartbesaitete, aber eines, das wichtige Fragen aufwirft und Antworten fordert.

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