Kinder schützen
Auch scheinbar harmloses Kleinstfeuerwerk darf nur unter Aufsicht gezündet werden. Böller und Co sind für Kinderhände absolut tabu. „Das Unfallgeschehen in der Silvesternacht zeigt, dass Kinder immer wieder zu den verletzten Personen gehören“, sagt Prof. Benedikt Friemert, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie (DGOU).
„Kinder sind besonders gefährdet, da sie sich für Feuer und Flamme interessieren, aber Regeln und Umgang damit oftmals noch unbekannt sind“, ergänzt Dr. Wiebke Hülsemann, Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Handchirurgie (DGH). Folgende fünf Regeln sollten Kinder kennen und beachten:
1. Feuerwerkskörper der Klasse 2 wie Böller und Raketen sind tabu und werden nicht angefasst oder in die Hand genommen.
2. Feuerwerkskörper der Klasse 1 dürfen nur unter Aufsicht eines Erwachsenen gezündet werden. Dazu zählen: Knallbonbons, Knallerbsen, kleine Bodenkreisel, Tischfeuerwerk, Wunderkerzen, Goldregen und Knallfrösche.
3. Niemals in die Schusslinie laufen. Schon gar keine Böller in Menschenmengen werfen.
4. Der Sicherheitsabstand zur Raketen-Abschussstelle beträgt mindestens fünfzehn, besser zwanzig Meter.
5. Es werden keine Raketen oder Böller eingesammelt, die scheinbar nicht gezündet haben. Solche Blindgänger können in der Hand explodieren und schwere Verletzungen verursachen.
Der Finger ist ab
Der Finger sitzt nicht mehr fest an der Hand, sondern liegt auf dem Gehweg. Doch es gibt eine Chance auf seine Rettung. Zumindest dann, wenn das Amputat, wie ein abgetrennter Körperteil in Fachsprache heißt, richtig aufbewahrt wird.
Im ersten Schritt wird der Finger in ein möglichst keimfreies Stück Stoff eingewickelt, zum Beispiel ein frisch gewaschenes Stofftaschentuch, rät Prof. Peter Sefrin, Bundesarzt beim Deutschen Roten Kreuz. Abwaschen oder reinigen sollte man das Körperteil vorher allerdings nicht.
Der eingewickelte Finger kommt in einen Plastikbeutel, der gut verschlossen in einen zweiten Plastikbeutel gestellt wird. Dieser zweite Beutel wird mit Wasser und Eis gefüllt. „Das Amputat sollte unter der Wasseroberfläche sein – darf aber nicht mit dem Wasser in Berührung kommen“, sagt Sefrin. „Danach auf dem schnellsten Weg in die Notaufnahme.“
Was bei einem abgetrennten Finger ebenfalls wichtig ist: Die Wunde gut versorgen. Dafür wird keimfreies Material auf die Blutung gepresst, um sie zu stillen. Falls möglich, sollte man einen Druckverband anlegen, so der Rat des DRK.
Das Ohr ist taub
Sie hören wie durch Watte, haben ein Völlegefühl im Ohr oder einen Tinnitus? Dann hat wohl Ihr Gehör Schaden genommen. Denn explodierende Feuerwerkskörper können bis zu 175 Dezibel laut sein – lauter als ein Presslufthammer.
Dadurch kann etwa das Trommelfell reißen. Wer sich nicht sicher ist, ob das passiert ist, sollte dafür sorgen, dass erst mal kein Wasser ins Ohr gelangt, so der Rat der Uniklinik Ulm.
Ein Notfall, bei dem es auf jede Minute ankommt, sind Ohrgeräusche oder ein dumpfes Gefühl im Ohr aber nicht. „Es ist durchaus auch möglich und medizinisch unbedenklich, dem Körper für einige Stunden oder sogar ein bis zwei Tage Ruhe zu gönnen und abzuwarten, wie sich die Symptome entwickeln“, so der Rat. Oft gehen die Beschwerden von alleine weg.
Wenn nicht, sollte ein HNO-Arzt oder eine HNO-Ärztin das Ohr untersuchen. Ist etwa das Trommelfell gerissen, kann man es mit einer medizinischen Kunststofffolie schienen.
Damit es gar nicht erst so weit kommt, rät die Uniklinik Ulm, an Silvester Ohr-stöpsel aus Wachs oder Kunststoff zu tragen, um das Gehör zu schützen. Die Empfehlung gilt nicht nur für Menschen mit einem empfindlichen Gehör, sondern für alle. Schon ein einziger lauter Knall in der Nähe des Ohrs kann zu einem Knalltrauma führen, warnt die Bundesinnung der Hörakustiker. Durchschnittlich mehr als 8000 Menschen sind jährlich nach Silvester von Verletzungen des Innenohrs durch Böller und Raketen betroffen – ausgenommen die Coronajahre. Bei etwa einem Drittel bleibt ein Hörschaden.
Das Auge ist verletzt
Das Feuerwerk, aber auch der Sektkorken, können ins Auge gehen: In den Jahren ohne Verkaufsverbot erlitten konstant jeweils etwa 500 Menschen an den Silvestertagen Augenverletzungen durch Böller, warnt die Deutsche Ophthalmologische Gesellschaft (DOG). In den zwei Pandemiejahren, in denen wegen des Verkaufsverbots kaum Feuerwerkskörper in die Hände von Laien gerieten, hat sich die Zahl der Augenverletzungen an Silvester um 86 Prozent (2020/21) und 61 Prozent (2021/22) reduziert. Die DOG will deshalb per Petition erreichen, dass privates Feuerwerk künftig durch kommunales Feuerwerk abgelöst wird.
Dass die Zahl der Verletzungen im vergangenen Jahr wieder gestiegen war, führt die DOG-Augenärztin Dr. Ameli Gabel-Pfisterer auch darauf zurück, dass das Verbot früher angekündigt war als im Vorjahr und so sich mehr Menschen dann im Ausland eindeckten. Dies erkläre auch, warum die Verletzungen im zweiten Pandemiejahr zwar immer noch seltener waren als in den Jahren vor der Pandemie mit dem Verkaufsverbot – aber tendenzielle waren die Verletzungen schwerer. Gabel-Pfisterer vermutet, dass es besonders risikofreudige Pyrotechniker waren, die die Raketen und Böller aus dem Ausland zündeten.
Das sicherste Feuerwerk ist das professionelle: „In den sechs Jahren der Umfrage fand sich nur eine Patientin, die während einer öffentlichen Feuerwerksshow als Zuschauerin leicht verletzt worden war“, berichtet der Freiburger Augenarzt und DOG-Experte Prof. Hansjürgen Agostini. svs/mit Material der dpa