München/Kiew – Bei dem Raketenangriff Russlands auf das Einkaufszentrum bei Kiew am 27. Juni vergangenen Jahres zeigte Russland in seinem Krieg gegen die Ukraine unfassbare Brutalität gegen die Zivilbevölkerung. Weltweit gab es einen enormen Aufschrei. Der Einschlag der Rakete riss das Leben der 23-jährigen Katheryna komplett aus den Angeln. Ihre Mutter kostete er das Leben. Katheryna überlebte schwerst verletzt.
Die Explosion hatte ihr tiefe Wunden zugefügt. An ihrem rechten Oberschenkel fehlte nicht nur die Rückseite inklusive Haut und Muskeln, auch ein zwölf Zentimeter langes Stück ihres Knochens war quasi weggefetzt worden. Noch dazu hatte die Druckwelle der Explosion einen sogenannten panresistenten Keim tief in ihr Gewebe hineingeschleudert. Panresistent, das bedeutet, dass der Keim gegen alle 26 in den USA zugelassenen Antibiotika resistent ist, diese ihm also nichts mehr anhaben können. Der Keim in Katherynas Wunde war ein sogenannter Acinetobacter, ein weit verbreitetes Stäbchenbakterium. Ist es nur auf der Haut, kann es einem Menschen nichts anhaben. Doch gelangt es darunter tief in den Körper hinein, kann man es mit Antibiotika nicht mehr herausbekommen.
So blieb Prof. Peter Biberthaler, Direktor der Unfallchirurgie am Klinikum rechts der Isar, gemeinsam mit Prof. Marc Hanschen nichts anderes, als den Keim mit dem Skalpell herauszuschneiden. „Es war eine riesengroße Herausforderung, denn die komplette Unterseite des rechten Oberschenkels hat gefehlt – Haut, Knochen und Gewebe, zudem war die Wunde durch den Raketeneinschlag und die Druckwelle massiv verschmutzt“, erzählt Prof. Hanschen. Dass es gelang, den panresistenten Keim rein operativ zu entfernen und dann den fehlenden Oberschenkelknochen nachzuzüchten, sei sensationell.
Zwar kann auch beispielsweise bei einem Motorradunfall eine schwere Verletzung entstehen, doch bei einer Explosion mit einer Druckwelle wirken noch weit stärkere und verheerendere Kräfte, die Schmutz und Keime in extremem Ausmaß tief ins Gewebe befördern. „Man muss sich das so vorstellen: Durch die Druckwelle wird das Gewebe quasi für einen Moment aufgebläht und Dreck und Bakterien werden ganz massiv und tief eingetragen“, erklärt Prof. Biberthaler.
Nachdem es gelang, den Keim wieder völlig herauszuschneiden, verpflanzten die Unfallchirurgen vom linken Oberschenkel Gewebe und Haut auf den rechten – und züchteten dann das fehlende Stück Knochen nach. Dies gelang folgendermaßen: Um die fehlenden zwölf Zentimeter zu überwinden, wurde der obere Teil des erhaltenen Knochens durchtrennt und dann das abgetrennte Stück ein ganz klein wenig – einen Millimeter – nach unten gezogen. Der Knochen der jungen Frau bildete immer schnell Gewebe, um zu heilen und den Spalt zu überbrücken. So wuchsen die zwei Stücke über Nacht wieder leicht zusammen. Und da sie jeden Tag wieder einen Millimeter weiter auseinandergezogen wurden, waren schließlich nach 120 Tagen die fehlenden zwölf Zentimeter überbrückt. Der Knochen war also quasi im Körper der Patientin nachgezüchtet worden. In der Fachsprache nennt sich diese Methode Knochenzüchtung durch Segmenttransport.
Beim Kriegsopfer Katheryna hat dies auch so gut geklappt, weil ihre Knochen heilten so wie die eines Kindes. Das liegt an ihrer guten Konstitution, lobt Prof. Biberthaler – so ernährt sie sich gesund, raucht nicht, trinkt keinen Alkohol und war vor ihrer Verletzung sportlich und viel in Bewegung. Nun ist der neu nachgewachsene Teil des Knochens, der natürlich derzeit noch lange nicht so stabil ist, wie er es vor der Verwundung war, mit einer Platte verstärkt.
Ab Dienstag beginnt Katheryna eine Reha, mit dem Ziel, wieder gehen zu lernen. Mit Krücken wird der neue Knochen Schritt für Schritt an Belastung gewöhnt. Da der menschliche Körper ein Leben lang in der Lage ist, die Struktur seiner Knochen zu verstärken, helfen hier Bewegung, gezielte Belastung, die passende Ernährung mit unter anderem viel Kalzium und vielen Mineralien und Sonnenlicht, das die Vitamin-D-Produktion anregt, was ebenfalls die Knochen verstärkt. So wird Katheryna – eine weitere gute Heilung vorausgesetzt – hoffentlich schon Ende Mai wieder ohne Krücken gehen können. Ihr Traum: „Ein Urlaub am Meer, in Italien zum Beispiel, baden, sonnen, das Leben genießen“, sagt die junge Frau. Was plant sie für ihre Zukunft? „Ich will einfach leben. Langfristige Pläne mache ich keine, denn Pläne können sehr schnell zerstört werden“, sagt sie.
Die 23-Jährige lässt sich durch die schrecklichen Erlebnisse im Krieg und den Verlust der Mutter nicht unterkriegen. Vor dem Ausbruch des Kriegs lebte sie in Kanada. Dort hatte sie Buchhaltung und Rechnungswesen studiert und bereits einen Job gefunden. Dann aber überfielen die russischen Truppen ihr Heimatland und Katheryna flog nach Hause. Dort besuchte sie ihre Mutter in ihrer Heimatstadt in Krementschuk südöstlich von Kiew. Bei dem Raketenangriff auf das dortige Einkaufszentrum starben mindestens 20 Menschen, darunter Katherynas Mutter.
Die junge Frau kam in drei Kliniken in Kiew, wo ihre Wunde nach den dortigen Möglichkeiten gut versorgt wurde, sagt Prof. Biberthaler. So eine komplizierte und fachübergreifende Heilung, wie sie jetzt am Klinikum rechts der Isar gelang, war in der Ukraine aber nicht denkbar. Ebenfalls enorm geholfen habe, dass ihr Vater (52) und die fünfjährige Schwester Katheryna nach München begleiteten und sie nach Kräften unterstützten. Das half Katheryna, fest an ihre Heilung zu glauben und trotz der schrecklichen Schmerzen den Mut nicht zu verlieren.