Ski-Unfälle: Es trifft mehr Frauen als Männer

von Redaktion

VON ANDREAS BEEZ

München – In Kliniken und Arztpraxen geben sich derzeit verletzte Skifahrer die Klinke in die Hand – eine Folge des Brettl-Booms in der ersten Saison nach zwei eingeschränkten Corona-Wintern. „Auf den Pisten geht’s heuer extrem zu“, hat bereits Felix Neureuther in unserer Zeitung analysiert – und Ski-Arzt Dr. Manuel Köhne von der OCM-Klinik in München berichtet: „Es ist wirklich ungewöhnlich, wie viele Skifahrer es derzeit erwischt.“ Die meisten verletzen sich am Knie. Der Klassiker: ein Riss des vorderen Kreuzbands, das hintere ist nur selten betroffen. Stattdessen sind allerdings oft auch das Innenband und/oder der Innenmeniskus lädiert. Solche Kombiverletzungen nennen Mediziner Unhappy Triad. Mehr zu den häufigsten Knieverletzungen lesen Sie im Artikel unten.

„Bei den Ski-Opfern handelt es sich oft um Anfänger oder um sehr gute Skifahrer. Frauen sind häufiger betroffen als Männer, weil die Kniegelenke der Damen eine ungünstigere Anatomie haben. Sie sind anfälliger insbesondere für Kreuzbandrisse, dazu kommt, dass sie oft eine etwas schwächere Muskulatur haben als Männer“, weiß Köhne.

Die meisten Unfälle passieren in wenig spektakulären und scheinbar harmlosen Situationen. Das gilt insbesondere für Knieverletzungen. So handeln sich Hobby-Skifahrer vergleichsweise selten bei schweren Stürzen mit hohem Tempo einen Kreuz–bandriss ein. Viel öfter erwischt es sie in leichtem Gelände und bei geringer Geschwindigkeit. „Wenn die Konzentration nachlässt, verschlägt es einem ganz schnell mal die Ski. Das kann schon reichen, um sich das Kreuzband zu reißen“, erläutert der Arzt.

Ein Paradebeispiel ist seine Patientin Dr. Isabelle Jacobson. Die 46-jährige Münchner Kardiologin, die früher selbst Skirennen gefahren ist, war im Skigebiet von St. Anton am Arlberg unterwegs – genauer gesagt auf einem Ziehweg zwischen dem Gampen und der Zammermoosbahn. „Irgendwie bin ich in einen Kunstschneehaufen am Pistenrand geraten, dabei hat’s mir meine Skiern mit frisch geschliffenen Kanten verrissen.“ Jacobson ist nicht einmal gestürzt, spürte aber sofort, dass ihr Knie wahrscheinlich lädiert ist. „Es war leider bereits mein dritter Kreuzbandriss.“

Solche Fälle seien typisch, sagt Köhne. „Gerade gute Skifahrer verletzten sich oft in vergleichsweise leichtem Gelände, eben auf Ziehwegen oder beim Abschwingen vor dem Lift. Manchmal berichten die Patientin, dass ihnen die Verletzung praktisch im Zeitlupen-Tempo passiert ist“, berichtet der Ski-Doc. „In diesen Situationen lässt die Konzentration oft etwas nach. Dazu kommt, dass bei Stürzen mit langsamer Geschwindigkeit häufig die Bindung nicht aufgeht. Der Druck aufs Knie ist dann deutlich größer als bei Stürzen mit größerem Tempo.“

Viele Unfälle ereignen sich entweder früh morgens beim Start in den Skitag oder nachmittags bei der letzten Abfahrt. „In der Früh sind die Muskeln oft noch kalt, zu wenige Skifahrer wärmen sich vor der ersten Abfahrt auf. Ihr Körper ist sozusagen noch gar nicht auf Betriebstemperatur – und schon ist es passiert“, weiß der Orthopäde. „Mitunter spielt auch die Psyche eine Rolle. Man geht am Wochenende auf die Piste, ist noch gestresst von der Arbeitswoche und will gleich Vollgas geben. Der Schuss geht öfter nach hinten los.“

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