Experte: „Wir müssen mehr auf die Jungen schauen“

von Redaktion

München – Die gute Nachricht zuerst: „Wir sehen heute dank der Früherkennung viel mehr Dickdarm-Krebserkrankungen in einem frühen Stadium und weit weniger als früher in einem fortgeschrittenen Stadium“, sagt Prof. Hana Algül, Direktor des Krebszentrums CCC München der Technischen Universität München (TUM). Dies liege daran, dass mehr als die Hälfte die angebotene Darmspiegelung wahrnehmen – bei Männern ist diese ab dem 50. Lebensjahr Bestandteil der Regelversorgung, bei Frauen ab dem 55. Lebensjahr.

Nun die schlechte Nachricht: Es gibt eine beunruhigende Entwicklung. Im Vergleich zu früher hat die Zahl der jüngeren Menschen, die ein Dickdarmkarzinom bekommen, verhältnismäßig stark zugenommen, sagt Prof. Algül. „Das ist ernst zu nehmen, auch, weil hinzukommt, dass die Prognose und der Verlauf der Dickdarmerkrankungen bei den jüngeren Patienten schlechter sind.“ Zur Einordnung: Zwar sind nur rund zehn Prozent der Patienten mit Dickdarmkarzinom jung. Aber bei den jüngeren Betroffenen ist der Krebs dann meist viel aggressiver als bei den älteren, erklärt Prof. Algül. „Aber bei diesen jüngeren Betroffenen steigt vor allem der Anteil der ganz jungen Patienten zwischen 25 und 29 Jahre.“ Insofern sei es jetzt wichtig, in Sachen Darmkrebsvorsorge viel mehr auch auf jüngere Patienten zu schauen.

Bei denen, in deren Familie bereits Mitglieder an einem Dickdarmkarzinom litten, empfiehlt Prof. Algül eine Dickdarmspiegelung zehn Jahre vor dem Alter, in dem diese bei dem Angehörigen ausbrach. „Das heißt, wenn mein Vater mit 50 an einem Dickdarmkarzinom erkrankte, sollte ich mit 40 eine Darmspiegelung machen lassen“, erklärt der Krebsexperte.

Aber nicht nur die Vererbung spielt beim Darmkrebs eine Rolle, so Algül, sondern auch andere Faktoren, beispielsweise die Zusammensetzung der Darmflora. Das sind die Bakterien, die den Darm besiedeln. „Insofern sollte man ernsthaft in Betracht ziehen, die Darmspiegelung auch jüngeren Patienten breiter anzubieten. Es gibt keinen Grund, dies nicht zu tun“, sagt Algül. In seinen Augen sei es sinnvoll, auch für Menschen unter 50 Jahren eine Früherkennungsstrategie für Darmkrebs zu entwickeln.

Weiterhin erklärt Algül, dass grundsätzlich eine Häufung verschiedener Krebsformen in einer Familie ein Alarmsignal darstellt: „Wenn es eine familiäre Häufung von Krebserkrankungen überhaupt gibt, die nicht nur den Dickdarm betreffen, dann sollte man sich Rat von einem Krebsexperten holen.“ So kann es zum Beispiel sein, dass der Vorfahre auch die Veranlagung zu Dickdarmkrebs hatte, aber zuvor schon an Magenkrebs erkrankte. Oder, wenn es eine Frau war, sie dann vor einem möglichen Dickdarmkrebs ein Karzinom in der Gebärmutter entwickelte.  svs

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