„Man muss sich für nichts genieren“

von Redaktion

VON DORITA PLANGE

Tutzing – In der Weihnachtszeit 2017 starb Thomas E.’s (59) Mutter überraschend schnell an den Folgen einer Krebserkrankung. „Das war ein Schock für uns alle. Ich hatte bis dahin nie über dieses Thema nachgedacht.“ Das Familienleben und sein Beruf als Wirtschaftsprüfer und Steuerberater füllten ihn vollkommen aus. Dem Stress im Job setzt er in der Freizeit ausgedehnte Rennradtouren entgegen. Zudem steigt er im Sommer jeden Morgen daheim in Tutzing in den Starnberger See. Da war kein Platz für düstere Gedanken: „Ich war immer fit und habe mir nie Sorgen um die Gesundheit gemacht.“

2021 endlich fasste er aber doch den Entschluss, sich mal richtig durchchecken zu lassen. Den Sport-Check bestand er mit Bravour. Fehlte noch die Darmspiegelung: „Es reizt ja niemanden, dorthin zu gehen. Aber ich wollte vernünftig sein.“ Nicht ahnend, dass er sich mit dieser Entscheidung wahrscheinlich selbst das Leben rettete.

Am 8. Dezember 2021 war der Termin. Der Arzt entdeckte drei Polypen. Einer war unauffällig, der zweite unklar. Der dritte („Dieses Sauviech“) im Enddarm zeigte höchst verdächtige Merkmale. In den folgenden Tagen versucht Thomas E., nicht allzu viel zu grübeln. Am 15. Dezember 2021 um genau 15.59 Uhr klingelte sein Telefon. Es war der Arzt. Und er sagte: „Herr E., es tut mir leid. Dieser Polyp ist ein bösartiges Karzinom.“

Noch in der gleichen Stunde fuhr Thomas E. zu seiner Schwägerin: „Sie ist Ärztin und hat selbst vor langen Jahren ein Krebsleiden überstanden. Ich brauchte ihren Rat.“ Und der war goldrichtig: „Sie empfahl mir dringend, mich in einem großen Zentrum anzumelden.“ Gleich am nächsten Tag konnte sich Thomas E. in der Klinik für Allgemein-, Viszeral- und Transplantationschirurgie des LMU Klinikums in Großhadern bei Direktor Professor Dr. Jens Werner und seinem Team vorstellen.

„Ich lernte rasch, dass man sich an diesem Ort für rein gar nichts genieren muss. Bei der Rektoskopie zur Untersuchung des Enddarms wird ein Stab eingeführt. Ein blödes Gefühl. Aber ich vertraute der Oberärztin Dr. Maria Burian vollkommen und wappnete mich mit Optimismus: Mein Leben wird weitergehen und ich mache das Beste daraus.“ Das Weihnachtsfest 2021 stand im Schatten der Diagnose: „Ich ahnte nur im Groben, was da alles auf mich zukommt. Die Details wollte ich lieber erst mal nicht wissen.“

Heute schaut Thomas E. dankbar zurück auf das harte Jahr

Im Januar begann die erste kombinierte Radio- und Chemotherapie, um den Tumor zu verkleinern für die anstehende OP. Fünf Mal die Woche Bestrahlung, dazu Chemo in Tablettenform. Thomas E.s Körper reagierte heftig: „Ich verbrachte Stunden auf dem Lokus.“ Und wieder rettete ihn sein Humor: „Ich las dort immer eine Auto-Zeitschrift, um mich von den Schmerzen abzulenken. Das hat ganz gut funktioniert.“

Fünf Wochen später war der Tumor tatsächlich verschwunden. „Aber der ganze Bereich war von der Bestrahlung verbrannt.“ Am 30. März folgte die große Operation. „Mir wurden 30 Zentimeter Darm und das Rektum entfernt sowie ein künstlicher Ausgang gelegt.“ Die OP dauerte fast fünf Stunden. Prof. Werner und zwei weitere Spezialisten waren selbst anwesend. „Ich wusste, dass ich in den besten Händen bin. Das half mir sehr.“

Nach zweieinhalb Wochen holte seine Ehefrau Gabriele ihn dort wieder ab. Die Treppe hinauf zur Wohnung im ersten Stock schaffte er nur mit Mühe. „Ich war ziemlich fertig und saß am Anfang nur auf dem Balkon in der Sonne.“ Ein paar Tage später schaffte er schon wieder die hundert Meter zu seiner kleinen Bank am See – sein Lieblingsplatz.

In der dreiwöchigen Reha in der Klinik Professor Schedel in Thyrnau/Passau ging es bald steil aufwärts. Wichtige Erkenntnis: „Ich lernte, ich bin nicht allein auf dem Planeten mit solchen Problemen.“ Manchmal übertrieb er es ein bisschen und musste über sich selbst lachen: „Beim Training mit der Nordic-Walking-Gruppe bin ich sauber umgeknickt. Und die Ernährungsberaterin erwischte mich, als ich heimlich am PC arbeitete. Geduld ist wohl nicht so meine Stärke.“ Kaum wieder daheim begannen Mitte Mai 2022 sechs weitere Chemo-Zyklen à drei Wochen. Die Chemo schlug so gut an, dass Prof. Werner eine sehnsüchtig erwartete Nachricht für seinen tapferen Patienten hatte: „Am 7. Juli wurde mein künstlicher Darmausgang wieder zurückverlegt. Ich war so froh, das kann ich gar nicht beschreiben.“ Und wieder musste sich Thomas E. in der schwierigen Disziplin der Geduld üben: „Ich dachte, danach ist gleich alles so wie vorher.“ Tatsächlich dauerte es Monate, bis sich die normale Verdauung wieder einstellte.

Heute schaut Thomas E. sehr dankbar zurück auf das härteste Jahr seines Lebens: „Ich habe absolut keine Schmerzen mehr, kann mich ganz normal bewegen und habe auch sportlich kräftig aufgebaut.“ Er ist schon wieder 65 Kilometer geradelt. Jetzt freut er sich auf eine Woche Skifahren. Seine Prognose ist sehr gut: „Ich habe das Thema Darmkrebs für mich abgehakt und vertraue darauf, dass es eine einmalige Episode in meinem Leben war.“

Dennoch spricht er bewusst öffentlich über diese Zeit. Sein Wunsch: „Wenn ich mit meiner Geschichte andere Menschen dazu bewegen könnte, rechtzeitig zur Darmkrebsvorsorge zu gehen, wäre ich sehr glücklich.“

Artikel 3 von 7