München – Mehr als 23 Millionen Deutsche haben mit chronischen Schmerzen zu kämpfen. Sie klagen oft über heftige Beschwerden an der Wirbelsäule oder an den Gelenken, Kopf- und Nervenschmerzen. Kaum ein Mediziner kennt solche Leidensgeschichten so gut wie Professor Dr. Dr. Thomas R. Tölle. Der Facharzt für Neurologie und Psychologie leitet das Zentrum für Interdisziplinäre Schmerzmedizin am Uniklinikum rechts der Isar. Im wissenschaftlichen Bereich hat Tölle die Schmerzforschung entscheidend mitgeprägt. Jetzt hat der Top-Arzt ein neues, spektakuläres Forschungsprojekt zu bewältigen: die weltweit größte Studie zum Einsatz von Cannabis als Medikament.
An dem wissenschaftlichen Mammutprojekt werden sich über die Hälfte der deutschen Unikliniken beteiligen. Die Wissenschaftler wollen Licht in die kontrovers diskutierte Frage bringen, ob und wie stark Cannabis chronische Schmerzen lindern kann. Genauer gesagt: Cannabis-Spray. 2300 Patienten sollen über zwölf Monate die Inhaltsstoffe über die Mundschleimhaut aufnehmen. Das Patent für die Herstellung des Sprays hält eine Firma in Warngau. Dort wird es hergestellt und vertrieben. Es ist die Apurano Pharmaceuticals GmbH. Das Unternehmen hatte bereits eine vorgeschaltete kleinere Studie initiiert. Dabei sei ein „hohes Sicherheits- und Verträglichkeitsprofil“ nachgewiesen worden, so Apurano. „Es ist ein neuer Ansatz in der Schmerztherapie, den wir jetzt unter wissenschaftlichen Gesichtspunkten genau untersuchen wollen“, sagte Tölle.
In Cannabis stecken mehr als 100 Wirkstoffe. Die beiden wichtigsten sind Tetrahydrocannabinol (THC) und Cannabidiol (CBD). THC gilt als Stimmungsaufheller, verändert allerdings die Wahrnehmung (benebelt). Es soll Schmerzen lindern können. CBD wirkt eher gegen Entzündungen, verringert Krämpfe und soll Angst reduzieren. Nun soll ein Schulterschluss an den deutschen Universitäten für belastbare Daten sorgen. Dabei ist dem Schmerzmediziner Tölle ganz wichtig, dass das Cannabis-Spray nicht in einen Topf mit cannabishaltigen Zigaretten geworfen wird. „Ich lehne das Rauchen von Cannabis ab, weil es die Konsumenten high macht. Bei der Anwendung des Cannabis-Sprays tritt dieser berauschende Effekt nicht ein“, betont Tölle. Die ersten Schmerzpatienten sollen im dritten Quartal dieses Jahres am Uniklinikum rechts der Isar sowie an anderen deutschen Universitätskrankenhäusern mit dem Cannabis-Spray behandelt werden.
ANDREAS BEEZ