Kristina Kober, Spezialistin für Vorsorge und Prävention bei der AOK Baden-Württemberg, mahnt: „Ein zu hoher und falscher Medienkonsum kann der Gesundheit von Kindern schaden. Vor allem dann, wenn darunter dauerhaft die Bewegung leidet oder die Mädchen und Jungen unbeaufsichtigt nicht altersgerechte Inhalte konsumieren. Dies kann schon bei den Kleinsten Ängste auslösen.“ Dabei sollte die tägliche Medienzeit bei Kindern im Alter zwischen vier und sechs Jahren laut Expertenrat eine halbe Stunde nicht überschreiten. Tatsächlich verbringen in Baden-Württemberg in dieser Altersgruppe aber 52 Prozent mehr als eine halbe Stunde unter der Woche vor TV, Laptop und anderen digitalen Geräten, am Wochenende sogar 76 Prozent. Das geht aus einer Elternbefragung im Rahmen der AOK-Familienstudie 2022 hervor.
„Mach’ endlich den Computer aus, leg’ das Handy weg!“, schallt es vermutlich rund um die Uhr irgendwo auf der Welt durch Wohnungen mit Kindern. Dabei werden Eltern aber in letzter Zeit – je nach Perspektive – nachgiebiger oder nachlässiger bei der Medienerziehung in diesem Punkt. In der Familienstudie heißt es dazu: „Im Vergleich zu 2018 (87 Prozent) schränken nur noch 79 Prozent der Eltern die Bildschirmzeit ein. So wird etwa bei 40 Prozent der Schulkinder, die nachmittags nicht betreut sind, die Bildschirmzeit nicht begrenzt. Insgesamt deutet dieser Trend darauf hin, dass die Widerstandskräfte in den Familien abnehmen.“
Das ist tatsächlich nicht so einfach. Denn Smartphone und Tablet, Laptop oder Fernsehen, Kurzvideos und Textnachrichten, Games oder Serien – für Familien mit kleineren, aber durchaus auch größeren Kindern ist der Medienkonsum Fluch und Segen zugleich. Babys greifen kurz nach dem Schnuller schon regelmäßig zu Mamas Handy, wenn die Mutter es für einen Moment unbeobachtet auf der Krabbeldecke liegen gelassen hat. Unbestritten ist aber auch, dass Kinder heutzutage durch den frühen Blick aufs Display, auf dem sie lauter Buchstaben sehen, viel eher als ihre Eltern sehr direkt mit Schriftsprache konfrontiert werden und der Bildschirm damit zu ihrer ersten Erziehungseinrichtung wird.
Was ihre Kinder in dieser Zeit überhaupt so anklicken oder etwa wie die teils massiv gewaltverherrlichenden Spiele – wenn nicht sogar pornografischen Seiten – angesteuert werden, ist für viele ein Buch mit sieben Siegeln. Denn Medienkompetenz bleibt häufig noch ein – gelinde gesagt – ausbaufähiges Thema in der Elterngeneration. Das gilt besonders für diejenigen, deren Kindheit und Jugend noch komplett ins vergangene Jahrtausend fielen. Sie wuchsen weder mit inzwischen weltweit verbreiteten sozialen Kommunikationsdiensten wie Facebook, TikTok und Instagram noch mit Memes auf. Das sind vor allem Fotos oder Filmchen, die im Internet kursieren und Personen und Situationen humoristisch kommentieren. Dieses Defizit bei der Kindererziehung wird allerdings bei jüngeren Paaren zunehmend verschwinden, weil sie selbst schon mit den sozialen Medien groß geworden sind.
Bewegungsmangel, Süchte oder etwa Dickleibigkeit können die Folge von falschem Umgang der Kinder mit Medien sein. Die AOK Baden-Württemberg hat sich daher seit 2020 die Initiative „Schau hin!“ als Partner ausgesucht. „Medienkonsum beginnt heutzutage schon im Kleinkindalter. Gerade für die Kleinsten ist dies mit Risiken verbunden. Deshalb ist es wichtig, Eltern zu sensibilisieren und deren Medienkompetenz zu stärken. Genau diese wertvolle Arbeit leistet ‚Schau hin‘ seit vielen Jahren“, sagt die AOK-Präventionsexpertin Kober mit Blick auf die Fortführung der langjährigen Zusammenarbeit. „Wir wollen Eltern dabei unterstützen, ihren Kindern so früh wie möglich beizubringen, sich in der digitalen Welt nicht zu verlieren“, so Kober. Schon bei Kindern zwischen drei und sechs Jahren werden wesentliche Grundlagen für die spätere Mediennutzung gelegt. Hierfür braucht es spezielle Fähigkeiten, beispielsweise selbst zu erkennen, wann es Zeit für eine Spiel- oder Filmpause ist.
Medienkompetenz der Eltern stärken