München – Sie führen ein Leben zwischen Verzweiflung und Hoffnung: Aktuell warten in Deutschland fast 9000 schwer kranke Menschen auf ein Spenderorgan. Im Jahr 2021 sind 873 Patienten auf der Warteliste gestorben. „Jeder einzelne ist einer zu viel. Aber trotzdem ist Deutschland Schlusslicht bei der Organspende in Europa. Das muss sich unbedingt ändern“, sagte Markus Wasmeier am Rande des Organspendelaufs anlässlich des Münchner Chirurgenkongresses. Dort gingen diese Woche in München trotz schlechtem Wetter 2000 Teilnehmer an den Start, um für mehr Organspenden und eine Reform der rechtlichen Rahmenbedingungen zu werben.
Wasi fordert neuen Anlauf für Reform
In einem Gespräch mit unserer Zeitung warb Wasmeier für einen neuen Anlauf, die sogenannte Widerspruchsregelung einzuführen. Sie besagt, dass jeder Erwachsene automatisch als Organspender gilt, wenn er sich nicht ausdrücklich dagegen ausgesprochen hat. Während diese Regelung in vielen anderen europäischen Ländern bereits besteht, sind diverse Einführungsversuche in Deutschland immer wieder auf der Zielgeraden gescheitert. „Wir reden jetzt in Deutschland schon seit Jahrzehnten darüber, dass sich etwas ändern muss. Geschehen ist aber nichts. Wenn wir wirklich mehr Spenderorgane für schwer kranke Menschen zur Verfügung haben wollen, brauchen wir die Widerspruchsregelung. Die Politik sollte einen neuen Anlauf nehmen. Bitte handelt endlich“, so Wasmeier gegenüber unserer Redaktion.
Vor dem Hintergrund der bestehenden Rechtslage appellierte Professor Christian Hagl, der Direktor der Herzchirurgie am LMU Klinikum in Großhadern, an alle Menschen, in ihren Familien über das Thema Organspende zu sprechen. „Wir erleben leider immer wieder, dass innerhalb der Familien wenig oder gar nicht über diese Thematik diskutiert wird. Ein unerwartetes Ereignis oder sogar der Tod eines Angehörigen ist für viele ein Tabuthema“, weiß Hagl. Dabei sei es sehr wichtig, die Einstellung seiner Lieben zur Organspende zu kennen. „Das erspart den Angehörigen im Ernstfall quälende Ungewissheit. Sie können dann viel leichter eine Entscheidung treffen“, sagte der erfahrene Herzchirurg unserer Redaktion.
Der Mangel an Spenderorganen sei dramatisch, berichtete Hagl weiter. In den vergangenen Jahren seien in Deutschland weniger als 1000 Organe gespendet worden. „Das sind leider viel zu wenige. Es ist erschütternd und belastend für die schwer kranken Patienten und ihre Angehörigen, wenn wir Ärzte sie immer wieder vertrösten müssen. Auch wenn Organspende ein hoch emotionales und sensibles Thema ist, möchte ich alle Menschen herzlich bitten, sich dafür zu öffnen. Sie geben damit anderen Menschen die Chance, weiterleben zu dürfen“, so der leidenschaftliche Appell des Herz-Professors.
Momentan ist leider noch keine Besserung in Sicht. Die Deutsche Stiftung Organspende (DSO) sieht auch für dieses Jahr keinen Aufwärtstrend bei den Spenderzahlen, es zeichne sich eher ein weiterer Rückgang ab, berichtet Herzchirurg Hagl.