Krampfadern in der Speiseröhre durch kranke Leber

von Redaktion

Schongauer Ärzte spüren Krebsmedikament als Ursache auf – Patientin (78) erzählt ihren Fall

VON ANDREAS BEEZ

Schongau – Eine Patientin musste wegen Krampfadern in der Speiseröhre endoskopisch behandelt werden. Ärzte im Krankenhaus Schongau spürten die Ursache auf: ihre kranke Leber.

Renate Schmidinger (78) ist hart im Nehmen. Vor zehn Jahren hat die Schongauerin den Darmkrebs besiegt, die Spezialisten im örtlichen Krankenhaus halfen ihr wieder auf die Beine. „Ich bin sehr dankbar für die erfolgreiche Therapie, damit wurden mir viele schöne Jahre geschenkt“, erzählt die pensionierte Goldschmiedemeisterin. Doch dann kam der nächste Schock: 2020 bemerkte sie Blut im Stuhl. Die Befürchtung eines Tumorrückfalls (Fachbegriff Rezidiv) bestätigte sich zwar nicht, doch die Ärzte stellten ein neues ernstes Problem fest: gefährliche Krampfadern in der Speiseröhre.

Chefarzt warnt vor gefährlichen Folgen

„Das ist eine dramatische Erkrankung, die lebensbedrohlich werden kann“, weiß Dr. Jochen Dresel vom Krankenhaus Schongau. Der Chefarzt für Innere Medizin erklärt den Hintergrund: „Die Krampfadern in der Speiseröhre entstehen durch eine Schädigung der Pfortader. Das ist eine wichtige Vene im Bauchraum. Sie transportiert Blut zur Leber. Wenn der Blutfluss gestört ist, entsteht ein Rückstau vor der Leber. Darauf reagiert der Körper mit so genannten Umgehungskreisläufen, die das Blut an der Leber vorbei zum Herzen leiten.“ Platzt eine dieser Ausweichadern, kann der Patient schlimmstenfalls innerlich verbluten.

Diese Gefahr ist bei einer Pfortadererkrankung nicht zu unterschätzen. „Durch dieses wichtige Gefäß fließen etwa ein bis eineinhalb Liter Blut pro Minute. Wenn beispielsweise etwa zehn Prozent des Blutes in den Umgehungskreisläufen verloren geht, verliert der Patient also innerhalb von zehn Minuten ein bis eineinhalb Liter Blut“, rechnet Oberarzt Dr. Andreas Benesic vor. Deshalb mussten die Krampfadern in Renate Schmidingers Speiseröhre entfernt werden. Dazu nahmen die Mediziner eine Gummibandligatur vor. „Bei dieser minimalinvasiven Behandlungsmethode werden die Krampfadern abgebunden“, erklärt Chefarzt Dresel.

Normalerweise haben vor allem Alkoholkranke mit solchen Krampfadern zu kämpfen, die in der Fachsprache Ösophagusvarizen heißen. „Sie treten meist bei einer Leberzirrhose auf“, berichtet Leberspezialist Benesic. Doch im Falle von Renate Schmidinger lag die Sache anders: „Ich trank bis zur Diagnose nur sehr selten Alkohol und heute gar keinen mehr.“ Nach einer Fülle von Untersuchungen stellten die Schongauer Spezialisten fest: Die Erkrankung ist eine Spätfolge der bereits Jahre zurückliegenden Chemotherapie gegen den Darmkrebs.

„Wir haben uns lange die Köpfe zerbrochen, wodurch der Leberschaden entstanden sein könnte. Am Ende fanden wir heraus, dass die kleinen Blutgefäße der Leber durch das Medikament Oxaliplatin in Mitleidenschaft gezogen worden sind“, berichtet Dresel. In der Folge erkrankte Schmidinger an Bluthochdruck in der Pfortader, Experten sprechen von portaler Hypertension (Pfortaderhochdruck).

Nun muss die 78-Jährige Medikamente einnehmen, die den Blutdruck senken. „Damit komme ich gut klar“, berichtet sie. Einmal im Jahr muss sie sich einer Magenspiegelung unterziehen. Abgesehen von diesen Routineuntersuchungen genießt sie ihr Leben in vollen Zügen: „Ich mache zwei Mal die Woche Waldspaziergänge, gehe gerne mal in die Berge.“ Bei ihrer Ernährung achtet sie darauf, dass viel Gemüse auf den Teller kommt, Alkohol ist tabu.

Renate Schmidinger ist froh, dass sie nach dem Darmkrebs auch ihre Lebererkrankung so gut in den Griff bekommen hat. „Ich bin den Ärzten im Krankenhaus Schongau sehr dankbar dafür. Ich kann jedem nur raten, bei ähnlichen Beschwerden rechtzeitig zum Arzt zu gehen.“ Chefarzt Dresel pflichtet bei: „Auch bei Pfortaderhochdruck gilt wie bei sehr vielen anderen Erkrankungen: Je früher sie erkannt wird, desto besser sind die Behandlungschancen.“

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