Harter Panzer – stilles Leid

von Redaktion

Zwei Experten erklären die häufigsten Fehler bei der Haltung von Schildkröten

VON NICOLA FÖRG

2,8 Prozent der Deutschen halten Schildkröten, das sind fast eine Million Tiere. Doch ob Land- oder Wasserbewohner: Viele Panzertiere leiden unter schlechten Haltungsbedingungen. Und die Besitzer warten oft zu lange mit dem Besuch beim Tierarzt.

Thomas Lücke, Experte vom Reptilienhaus in Oberammergau, erlebt das häufig: Da steht jemand bei ihm im Reptilienhaus und fragt, ob er denn der Schildkröte den Schnabel schneiden könne. Man nennt diese Hornanteile am Oberkiefer tatsächlich Schnabel und sie können auch mal übermäßig wachsen. Nun ist es ja schon löblich, dass die Schildkröten- Halter sich an Lücke wenden, anstatt selbst herum zu doktern, aber auch der verweist an Fachtierärzte. Nicht ohne vorher noch mahnende Worte zu sprechen, dass das Tier mit Sicherheit unsachgemäß ernährt wurde, also mit zu viel Weichfutter, das den Schnabel nicht abnutzt.

Lücke verweist Reptilienhalter gerne an Julia Stockklausner in Garmisch-Partenkirchen, die 2021 die Mobile Tierarztpraxis Stockklausner eröffnet hat. Die Frau war Doktorandin und Assistenztierärztin im Zoo Duisburg, von 2007 bis 2008 Zootierärztin im Loro Parque auf Teneriffa und von 2008 bis 2016 Zootierärztin im Zoo Heidelberg – oder anders gesagt: Die Frau kennt sich aus mit Exoten und Reptilien. Auch sie sieht leider viele Fälle, bei denen Tiere aus Unwissenheit oder Unbesonnenheit leiden müssen. „Ich habe jedes Jahr zwei bis drei schwere Fälle, wo Schildkröten nachts von Tieren angeknabbert wurden“, berichtet sie. „Die Besitzer sehen die Wunde zu spät oder denken sich: Ach, das ist ja nur eine kleine Wunde. Aber Schildkröten leben am Boden, da ist alles voller Bakterien und schnell besetzen Fliegenmaden diese Wunden. So etwas passiert leicht, wenn die Urlaubsvertretung nicht genau hinsieht.“ Was im Umkehrschluss bedeutet, dass man das Tier einmal am Tag genau betrachten und Schildkröten im Freigehege nachts in ein Häuschen sperren sollte, wo sie sicher sind vor Dachs und Co.

Stockklausner hatte auch den Fall, dass so einem Tier ein Vorderfuß halb abgefressen wurde, sie musste das halbe Beinchen amputieren, aber das Tier ist heute wieder putzmunter. Julia Stockklausner gibt ungern auf, sie nimmt solche Tiere mit nach Hause, päppelt sie auf und macht das, womit Besitzer oft überfordert sind: Wunden spülen und reinigen. Wenn das Tier wieder normal frisst und alles verheilt ist, darf es zurück – nun hoffentlich unter besseren Vorzeichen.

„Ich stelle fest, dass junge Leute, die sich für eine Schildkröte entscheiden, recht gut informiert sind, aber da gibt es viele Tiere im Altbestand, die nie gut gehalten wurden und schon gar nicht nach neusten Erkenntnissen“, bedauert Stockklausner. Es gibt Schildkröten, die nach Besitzeraussagen „seit 40 Jahren in der Wohnung rumlaufen und so gerne das Katzenfutter mögen“. Was fatal ist: Fleisch ist in der Ernährung sehr schädlich.

Am Panzer gibt es entartetes Wachstum, das kann so weit gehen, dass diese Höckerbildung auf die Wirbelsäule drückt und das Tier lähmt. Auch Lücke von der Reptilienauffangstation engagiert sich für das Wohl von Schildkröten und weiß: „Es gibt immer noch viel Unwissen oder auch Lethargie.“

Niemand ist gefeit vor Fehlern, auch Stockklausner nicht. Die drei jetzt achtjährigen Schildkröten hatten sich vor etwa fünf Jahren im Garten absentiert. Die Familie suchte verzweifelt, schließlich waren Nummer eins und zwei wiedergefunden. Wer mitsuchte, war die kleine Münsterländerhündin, die Nummer drei auch fand, leider aber beim „Transport“ so fest draufgebissen hatte, dass der Panzer kaputt war. Aber wieder kam Aufgeben nicht infrage: Spülen, Verbände wechseln, nach drei Monaten war alles wieder zugewachsen, das Tier freut sich seines Lebens, die Deformation am Panzer sieht man bis heute.

Schildkröten sind stumme Dulder, oft wird mit einem Arztbesuch viel zu lange gewartet. Es geht um Umsicht und Voraussicht, darum bittet Stockklausner, dass man schon im September rechtzeitig an die Winterruhe denkt, das Tier durchchecken lässt und eine Kotprobe abgibt. „Ist so ein Tier zum Beispiel Ende Oktober verwurmt und braucht ein Medikament, kann man es nicht sofort in den Winterschlaf schicken.“

.  Interessante Links: www.stockklausner.com; www.reptilien-haus.de

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