Christian Neureuther (74) hat früher Weltcup-Rennen gewonnen und fährt auch heute noch besser Ski als viele junge Hupfer, fetzt im Winter mit seinen Enkeln die Pisten am Garmischer Hausberg herunter. Zwischendrin dreht er auf Langlaufskiern im nordischen Trainingszentrum in Kaltenbrunn seinen Runden. Im Sommer kraxelt er steile Bergwege rund um seinen Heimatort Garmisch im Stechschritt herauf. Aber auf Bestzeiten kommt es ihm dabei schon lange nicht mehr an. „Für mich ist Bewegung viel mehr als Wettbewerb, es ist Genuss, pure Lebensfreude und gleichzeitig eine wichtige Investition in die Gesundheit. Ich werde mich immer bewegen, solange mich der liebe Gott lässt. Rosi und ich haben es immer genossen und waren dankbar dafür, unsere Begeisterung für Bewegung teilen zu können, wir haben das als großes Glück empfunden. Ich kann alle Senioren nur dazu ermutigen, sich ein Herz zu fassen und sich zu bewegen, so oft es geht. Es lohnt sich auf verschiedene Weise, aber für jeden einzelnen“, sagt Christian Neureuther mit Blick auf die Studie „bestform. Sport kennt kein Alter“ der TU München.
Das wissenschaftliche Mammutprojekt – eine der weltweit größten Studien zu den Gesundheitseffekten von sportlichem Training in Seniorenheimen – sorgt derzeit in München und Oberbayern für viel Gesprächsstoff. Daran nehmen über 400 Senioren in mehr als 20 Häusern teil, der Altersdurchschnitt liegt über 80 Jahren. Sie sporteln zwei Mal die Woche, betreut und angeleitet von Trainern des Teams der TU München aus Sportwissenschaftlern und Sportmedizinern sowie speziell geschulten Mitarbeitern der Einrichtungen. „Eins der Ziele ist es, Bewegung als festen Bestandteil der Pflege in Senioreneinrichtungen zu etablieren“, berichtet Projektleiterin Nina Schaller.
„Es kommt gar nicht so sehr darauf an, wie lange man sich bewegt und welche Sportart man macht. Was zählt, ist, dass man regelmäßig trainiert. Mir hilft das nicht nur dabei, körperlich in Schuss zu bleiben, es tut auch der Seele gut“, berichtet Christian Neureuther. Sein Sohn Felix Neureuther (39) sagt im Gespräch mit unserer Redaktion: „Bewegung sollte ein lebenslanger Begleiter sein – vom Zwergerl- bis zum Opaalter. Mir ist es seit Jahren eine Herzensangelegenheit, schon Kinder für Bewegung zu motivieren, ihnen die Begeisterung am Sport zu vermitteln.“ Dafür engagiert sich Felix Neureuther mit seiner Initiative „Beweg Dich schlau“ und bei diversen Projekten seiner Felix-Neureuther-Stiftung. „Aber nicht nur für Kinder, sondern auch für alte Menschen gilt: Es ist nie zu spät, sich zu bewegen.“
Ins selbe Horn stößt das Senioren-Projekt der TU München mit dem Motto „bestform. Sport kennt kein Alter“, das von der Beisheim Stiftung ideell und finanziell unterstützt wird. Bei dem Bewegungsprogramm trainieren Senioren in ihren Einrichtungen zwei Mal pro Woche an speziellen Trainingsgeräten für ältere Menschen. „Regelmäßige Bewegung ist der Schlüssel zu einer guten Lebensqualität bis ins hohe Alter“, erläutert Professor Martin Halle, Chefarzt am Uniklinikum rechts der Isar und Direktor der Abteilung für Sportmedizin und Sportkardiologie der TU München. „Wer sich regelmäßig bewegt, steigert seine Leistungsfähigkeit, leidet seltener an chronischen Erkrankungen, etwa des Herz-Kreislauf-Systems, Diabetes oder Demenz, ist körperlich weniger eingeschränkt, bleibt geistig fit, hat mehr soziale Kontakte und eine höhere Lebenserwartung“, erläutert Halle.
Insbesondere durch Krafttraining an den Geräten lasse sich die großen Muskelgruppen trainieren und die Rumpfmuskulatur stärken. „Muskeln sind Stabilisatoren für Gelenke und Wirbelsäule. Wer mehr Muskeln hat, der hat auch dichtere, stabilere Knochen. Ein regelmäßiges körperliches Training ist die beste Medizin, um die Lebensqualität im Alter zu erhalten und Muskelschwund, Gebrechlichkeit und Pflegebedürftigkeit möglichst lange entgegenzuwirken“, erläutert der erfahrene Präventionsmediziner.
Dass es für Training keine Altersgrenze gibt, stellt Gisela Meyborn unter Beweis. Sie lebt im Marienstift in München-Gern und nimmt dort regelmäßig an den gemeinsamen Übungsstunden mit anderen Senioren teil. „Die Bewegung und der Austausch in unserer Trainingsgruppe machen mir großen Spaß, ich bin richtig traurig, wenn der Termin einmal ausfällt“, erzählt die 89-Jährige, die seit vier Jahren im Marienstift ihr neues Zuhause gefunden hat. „In meinem Alter ist es von zentraler Bedeutung, was man im Alltag noch alles alleine kann. Und um noch möglichst viel zu können – dafür muss man etwas tun. Dabei hilft mir das Training. Ich spüre, wie gut es mir tut.“
Durch solche Erfolgsgeschichten fühlt sich Svetlana Schmik bestätigt. Die stellvertretende Leiterin des Marienstifts kann sich noch ganz genau an die Eröffnung des Trainingsraums im Oktober 2021 erinnern – mitten in der Corona-Zeit. „Uns war damals schon klar, dass dieses Bewegungsangebot einen echten Mehrwert für unsere Bewohner bedeutet. Heute freuen wir uns jeden Tag darüber, die Fortschritte der Trainingsteilnehmer zu sehen – und zwar im wahrsten Sinne des Wortes“, erzählt Schmik: Manche konnten vor Trainingsbeginn nur drei Schritte am Stück gehen, inzwischen sind es bei einigen 20 und mehr. Und jeder zusätzliche Schritt ist ein Mehr an Lebensqualität.“
Es ist nie zu spät, sich zu bewegen
Training für hohe Lebensqualität