Wenn an Krebs erkrankte Patientinnen und Patienten der Familie die Diagnose mitgeteilt haben, verändern sich oft die Beziehungen zu ihren Angehörigen. Der wohlgemeinten, aber teilweise nicht gut abgesprochene Fürsorge aufseiten der Angehörigen steht dann der Wunsch der Betroffenen gegenüber, weiter wie ein vollwertiger, erwachsener und autonomer Mensch behandelt zu werden. Meiner Erfahrung nach ist es hier oft hilfreich, zuerst einmal die Angehörigen in ihrer Not wahrzunehmen. Auch sie fühlen sich nicht selten überfordert. Sie haben Angst, Fehler zu machen, und wollen gleichzeitig positiv auf die Genesung einwirken. Anstatt die gut gemeinte Vorsicht oder Fürsorge pauschal zurückzuweisen, kann es hilfreich sein, das Gespräch darüber zu eröffnen, wie es den Beteiligten mit der neuen Situation im Moment geht. Statt auf Vorwürfen und Zurückweisungen sollte der Fokus darauf liegen, dass Patienten und Angehörige als Team sich so gut wie möglich abstimmen wollen. Ich habe zum Beispiel einen Patienten, der hat die Zehn-Minuten-Regel eingeführt. Trifft er Angehörige außerhalb des Behandlungskontextes, so räumt er ihnen die ersten zehn Minuten des Treffens ein, um Fragen über seine Erkrankung und sein Befinden zu beantworten. Im Gegenzug durfte das Thema Krebs dann für die restliche Zeit keine Rolle mehr spielen.