Warum der Beipackzettel krank machen kann

von Redaktion

Positive Kommunikation im Patientengespräch: Wissenschaftler fordern mehr Training für Ärzte

München – Wenn man im Beipackzettel eines Medikaments die Liste der möglichen Nebenwirkungen durchliest, kann einem ganz anders werden. Es dreht sich vor allem darum, was alles schiefgehen kann. Das Problem: Bei vielen Patienten treten genau diese Komplikationen auch prompt ein.

Nocebo-Effekt – den negativen Placebo-Effekt – nennt die Medizin dieses Phänomen. Die Auswirkungen dieser Effekte sind viel größer als lange gedacht, sagten Experten beim größten internationalen Kongress zur Placebo-Forschung im Ruhrgebiet. Ihre Erkenntnisse können dabei helfen, Behandlungen effektiver zu machen, indem Mediziner anders kommunizieren.

„Placebo- und Nocebo-Effekte sind nicht einfach Einbildung. Wir wissen, dass es zu sehr komplexen neurobiologischen Phänomenen kommt“, erklärt die Neurologin Prof. Ulrike Bingel, Leiterin des Zentrums für Schmerzmedizin an der Uniklinik Essen. Dass Aufklärungsgespräche vor Operationen und Beipackzettel den Fokus vor allem auf die Risiken richten, sei problematisch: „Im Beipackzettel steht auf drei Seiten kurz gefasst „Tod und Verderben“. Ihr fehle dabei der Therapieeffekt.

Der Psychologe Prof. Ben Colagiuri von der Universität Sydney hat in einer Studie den Versuch gemacht: Einer Gruppe prophezeiten die Forscher, dass bei 30 Prozent der Patienten auf ein Medikament Übelkeit auftreten werde. Der anderen Gruppe erzählten sie, dass bei 70 Prozent keine Übelkeit auftretten werde. Ergebnis: Die Patienten mit der positiv vermittelten Botschaft litten seltener an Übelkeit.

Auf Basis der Placebo-Forschung könnten Ärzte geschult werden, wie sie mit Empathie und positiver Kommunikation eine Behandlung unterstützen, sagt Andrea Evers, Professorin für Psychologie an der Universität Leiden/Niederlande. Schon wenige beruhigende Worte könnten den großen Unterschied machen. Prof. Bingel wünscht sich, dass die richtige Kommunikation mit Patienten für Ärzte genauso selbstverständlich zur Aus- und Weiterbildung gehören sollte wie die Herz-Lungen-Wiederbelebung.

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