Schongau – Ein unscheinbares Gebäude in Klötzchenform, zu dem sich die Tür öffnet. Es „fischelt“ nicht, die Luft riecht eher salzig, es ist warm und feucht im Raum. Altenstadt bei Schongau – hier, mitten im Pfaffenwinkel, in der Nähe der Berge, lebt ein sensibler Meeresbewohner. Maria von Consbruch hat ihre Winterstiefel gegen Gummistiefel getauscht und schaut in eines der Becken, wo man wenig sieht, nur bräunliches Wasser. Mit einem Kescher fischt sie im Trüben, holt ganz schnell eine Garnele aus dem Salzwasser, die ziemlich mickrig ist.
„Diese Winzlinge stammen von einer Nachzuchtanlage aus der Steiermark, kommen hier bei uns mit etwa zwei Wochen an, das sind Postlarven, ein frühes Entwicklungsstadium. Das sind noch keine adulten Tiere“, erklärt Dr. Maria von Consbruch. Zu Beginn leben rund 5000 dieser Tierchen in einem der riesigen Becken, später nur noch rund 2000. Nach einer Aufzuchtphase von vier bis sechs Monaten sind sie etwa 15 Zentimeter groß und 30 Gramm schwer.
Die Tierärztin Maria von Consbruch betreut die Meeresbewohner im Hinblick auf Tierwohl, Tiergesundheit und Lebensmittelsicherheit. Wie alle hatte auch sie eine steile Lernkurve, fuchste sich rein in eine Tiergruppe, die man als Tierärztin in Bayern ja weniger auf dem Schirm hat. „Garnelen sind sehr sensibel was die Wasserqualität betrifft, deshalb haben wir uns auch für das Biofloc-Verfahren entschieden. Das ist eine Art der Wasseraufbereitung, die den natürlichen Lebensraum der Schalentiere nachahmt. Es befindet sich wie in den Ökosystemen Meere und Seen ein Mix aus Zooplankton und Mikroben im Wasser, das ergibt einen organischen Kreislauf sich selbst zu reinigen.“ Den Garnelen taugt das. „Sie können sich im trüben Wasser besser zurückziehen und wie in der Natur auch in Schwärmen schwimmen.“
Dass es hier nicht gerade leise ist, liegt daran, dass Düsen das Wasser in Bewegung halten und es zusätzlich mit Sauerstoff angereichert wird. Am Beckenrand gibt es einen Futterspender. Die kleinen Kügelchen sind ein Spezialfutter. Maria von Consbruch lächelt. „Leider ist die Akzeptanz für das Biofutter, das wir probiert haben, sehr mäßig. Aber die Garnele braucht tierisches Eiweiß im Futter, sonst werden die leider zu Kannibalen.“ Maria, ihm schmeckt’s nicht, ist hier in der Tat die Devise und nicht akzeptiertes Futter verunreinigt auch das Wasser, das muckelige 28 Grad hat.
„Das ist die Wohlfühltemperatur von Garnelen, die wir als ökologisch erzeugte Garnelen namens Ludwig vermarkten.“ Fangfrisch in Altenstadt!
Diese steirisch-bayerischen Garnelen schwimmen neben dem Heizkraftwerk, das den Strombedarf von mehr als 25 000 Haushalten deckt. Wie jedes Kraftwerk gibt es Abwärme, Wasserdampf, den man wegen der zu geringen Temperatur aber nicht verstromen kann! Der geht im wahrsten Sinne des Wortes in die Luft – oder eben in die Becken. Auf den ersten Blick wirkt die Idee etwas krude, aber Bernhard Schuster, der Kraftwerksbetreiber, hatte in der Szene von Fischen im Kühlturmbecken eines Kraftwerks gehört. Dort war das mehr ein Gag zur Demonstration der Wasserqualität. Aber die Idee setzte sich bei ihm fest, mit der Abwärme etwas zu tun, das Sinn machen könnte. Planungen gab es bereits 2013, 2020 schwammen die ersten bayerischen Garnelen im Pfaffenwinkel und zwar in gebrauchten Hochseecontainern. Im Sinne nachhaltigen Wirtschaftens sind diese ein Recyclingprodukt. „Der Vorteil liegt auch darin, dass sie stapelbar sind und ein Gewicht von 40 Tonnen tragen. So konnten wir ein zweites Stockwerk nutzen, eine normale Hauskonstruktion trägt das nicht. Und es gab kaum Flächenverbrauch. Jeder Behälter fasst 20 Kubik Wasser und funktioniert autark“, so Schuster.
Eines der acht Becken ist das Hälterbecken mit klarem Wasser. Die Tiere erhalten kein Futter mehr, damit ihr Stoffwechsel sich verlangsamt und der Darm leer wird. Diese kurze Fastenperiode nennt man Hältern. „Man redet wirklich von der Ernte, nicht vom Schlachten“, sagt Consbruch und ist über diesen Euphemismus nicht sehr glücklich. „Die Gesetzeslage sieht vor, dass die Tiere in einem Strombad betäubt und getötet werden und erst dann ins Eiswasser kommen. Es gibt aber längst eine Reihe von Studien, die besagen, dass es tierschutzgerechter wäre, die Tiere sofort ins Eiswasser zu geben. Dort würde innerhalb von zwei bis drei Sekunden die Betäubung eintreten und die Vitalfunktionen innerhalb von ein bis zwei Minuten schonend einschlafen. Da hinkt das europäische Gesetz den Anforderungen an den Tierschutz hinterher.“