Die Abnehmspritze: Fluch oder Segen?

von Redaktion

Abnehmen ohne strengen Ernährungsplan und eiserner Disziplin: Einfach nur mit einer Spritze, die den Heißhunger nimmt: Nicht nur für Prominente ist dies offenbar sehr reizvoll. Popstars, Filmschauspieler und auch viele Normalbürger specken ab mit Mitteln wie Ozempic, Wegovy, Trulicity & Co. Doch sind die Abnehmspritzen wirklich ein Segen oder eher doch ein Fluch? Wir dokumentieren den Ärzte-Streit und erklären die neuesten Erkenntnisse zu Chancen und Risiken.

Der Injektionsstift ist einfach zu handhaben. © panthermedia

Izwischen hatte Robbie Williams sichtbar abgespeckt – mit Abnehmspritzen, wie er unumwunden zugibt. © dpa/Joel C Ryan

Schlank, aber mit deutlich volleren Gesichtszügen: So kennt man Sänger Robbie Williams. © Getty Images

Heute ist Sharon Osbourne sehr dünn. © Getty Images

Sharon Osbourne im März 2020. © Getty Images

Jetzt gilt Goodman als „Ozempic-Gesicht“. © Getty I.

Schauspieler John Goodman im Jahr 2014. © imago stock

München – Dank einer Spritze kein Verlangen nach kalorienreichen Genüssen – und schnell purzeln die Pfunde. Seit Monaten sorgen Mittel wie Ozempic und Wegovy, die eigentlich für Diabetes-Patienten entwickelt wurden, für Schlagzeilen. Seitdem die Spritze auch gegen Übergewicht zugelassen ist, hat der Hersteller, der dänische Pharmakonzern Novo Nordisk, den französischen Luxushersteller LVMH als wertvollsten Konzern Europas abgelöst. Im Schnitt 10 bis 15 Prozent Körpergewicht verlieren Menschen mit starkem Übergewicht laut Studien mit der Abnehmspritze innerhalb von etwa eineinhalb Jahren. Die Mittel sind weltweit heiß begehrt. Doch warnen immer mehr Mediziner vor einem Missbrauch der Medikamente und davor, die Nebenwirkungen zu unterschätzen. Die Mittel sind von der EU-Arzneimittelagentur EMA zugelassen als Abnehmpräparate für extrem übergewichtige Menschen mit einem Body Mass Index (BMI) über 30 oder mit einem BMI über 27, wenn Begleiterkrankungen wie Diabetes dazukommen. Diese Patienten können sich die Mittel von einem Arzt verschreiben lassen, müssen sie aber selbst bezahlen. Die Kosten liegen – je nach Dosierung und Medikament – zwischen 150 und 500 Euro.

Häufige Nebenwirkungen der Medikamente sind Übelkeit, Erbrechen, Schwindel, Verstopfung oder Durchfall, vor allem in der Anfangsphase. In seltenen Fällen kann es zu schweren Nebenwirkungen kommen, wie Bauchspeicheldrüsenentzündungen, Nierenproblemen, Sehstörungen oder einer allergischen Reaktion. Auch Schilddrüsenkrebs galt als seltene Nebenwirkung, doch ergab eine Studie vom April 2024 keinen Beleg für ein erhöhtes Schilddrüsenkrebs-Risiko. Eine andere aktuelle Studie gibt Hinweise darauf, dass die Abnehmspritzen in seltenen Fällen das Risiko für eine Depression oder andere psychische Probleme erhöhen.

Für normalgewichtige Menschen, die lediglich ein paar Kilo abspecken wollen, sind die Medikamente nicht zugelassen. Das schreckt aber viele nicht ab. Auch viele Prominente nutzen die Mittel, um schnell abzunehmen. Der Sänger Robbie Williams (50) sagte der britischen Times in einem Interview, dass er mit Ozempic fast zwölf Kilogramm abgenommen hat. Sharon Osbourne (71) erklärte im vergangenen Sommer, die Diät mit der Spritze sei schiefgegangen. Denn auch Monate nach dem Absetzen habe sie mit Übelkeit zu kämpfen gehabt und so immer weiter abgenommen, bis sie zu dünn gewesen sei. Dem US-Magazin „E! News“ sagte sie im vergangenen Sommer: „Mein Höchstgewicht waren rund 104 Kilo, inzwischen wiege ich unter 45.“ Auch Filmstar John Goodman (71, The Big Lebowski) hat drastisch abgenommen. Seine Diät begann er aber schon 2007 – früher brachte der Schauspieler fast 180 Kilogramm auf die Waage. Er sagt, er habe es durch viel Sport und eine komplette Ernährungsumstellung geschafft. Ob er auch mit der Diätspritze nachgeholfen hat, ist unklar. Doch nahm ein Plastischer Chirurg Goodmans Aussehen zum Anlass, vor dem „Ozempic-Gesicht“ mit tiefen Falten und dunklen Augenringen zu warnen.

Dass durch starken Gewichtsverlust und mit höherem Alter auch die Falten tiefer werden, ist allerdings normal. Doch wer Diäterfahrung hat, weiß, dass nicht nur das Abnehmen viel Disziplin kostet. Noch schwieriger ist es, danach das Gewicht auch zu halten. Der berüchtigte Jojo-Effekt sorgt dafür, dass die Kilos oft schnell wieder drauf sind. Dies gilt auch für das Abnehmen mithilfe der Spritze. Studien zeigen, dass Patienten eineinhalb Jahre nach dem Absetzen der Spritze ihr Ausgangsgewicht wieder erreicht haben, wenn sie es nicht schaffen, auf Dauer ihre Ernährung umzustellen und sich viel zu bewegen. So spitzten sich beispielsweise bei einer Studie mit dem Wirkstoff Tirzepatid übergewichtige Patienten 36 Wochen lang den Wirkstoff. Dann bekam ein Teil der Probanden nur noch ein Placebo. Während die Patienten mit Tirzepatid weiter abnahmen, nahmen die mit dem Placebo wieder zu.

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