Viele Menschen kämpfen mit dem Gewicht. © C. Klose/dpa
Prien – Auch wenn die neuen Abnehmmittel, in der Fachsprache GLP1-Antagonisten genannt, das Potenzial haben, den gesamten Markt zu verändern, sieht Prof. Ulrich Vorderholzer die Spritzen zwiespältig. Der erfahrene Psychiater und Ärztliche Direktor der Schön Klinik Roseneck in Prien am Chiemsee beschäftigt sich viel mit Patienten mit starkem Übergewicht. „Die Mittel lassen die Menschen tatsächlich gut abnehmen“, sagt Prof. Voderholzer. Ein Problem sieht er allerdings darin, dass es noch keine Langzeiterfahrung gibt. „Zudem zeigen Studien, dass die Patienten dann, wenn sie die Abnehmspritzen absetzen, schnell wieder zunehmen“, warnt der Psychiater und gibt zu bedenken, dass es deshalb sein kann, dass die Betroffenen sich dann dauerhaft das Medikament spritzen müssen. „Lebenslang die Abnehmspritze, das wird sehr teuer für die Betroffenen“, sagt er. Zudem kenne man die Langzeitwirkungen nicht. Es sei unklar, ob sich der Körper und das Gehirn mit der Zeit an den Wirkstoff anpassen und so dessen Wirkung nachlässt. Auch sei noch unbekannt, ob es andere langfristige Risiken gibt.
Weiterhin gibt Prof. Voderholzer zu bedenken: „Die Medikamente lösen nicht das Grundproblem, dass wir mit dem Nahrungsüberfluss zurechtkommen müssen.“ Mehr als die Hälfte der Menschen in Deutschland sind übergewichtig, 25 Prozent leiden an Adipositas. „Häufig ist eine fehlende Mahlzeitenstruktur die Ursache, zudem essen viele Menschen bei Stress, negativen Emotionen oder unkontrolliert zu große Mengen, und sehr viele bewegen sich zu wenig“, weiß Voderholzer. Er empfiehlt, sich regelmäßige Mahlzeiten in normaler Größe und regelmäßigen Sport anzugewöhnen.
Essen, um Stress abzubauen und mit negativen Gefühlen umzugehen: Diese Strategie hat Anna (16) lange verfolgt. „Ich war mir dessen nicht bewusst“, sagt die Patientin in der Schön Klinik Roseneck. „Ich esse gerne und in meiner Familie ist das Essen wichtig“, sagt die Jugendliche. So habe sie es sich angewöhnt, viel zu essen und sich gleichzeitig für ihren Körper geschämt. In der Klinik arbeite sie daran, ihre Gefühle besser wahrzunehmen und zu bewältigen, statt sich mit Essen zu trösten. „Früher sind die verdrängten Gefühle abends über mich hineingebrochen und ich habe gegessen, um mich abzulenken und glücklich zu machen.“ S. SASSE