INTERVIEW

„Weil der Hunger fehlt, droht Mangeldiät“

von Redaktion

München – Seit die Abnehmmittel in Europa zugelassen sind, nehmen sie nicht nur Menschen mit starkem Übergewicht, sondern oft auch diejenigen, die nur ein paar Kilo abspecken wollen. Der Münchner Ernährungswissenschaftler Prof. Hans Hauner von der Technischen Universität München ordnet im Interview Vorteile und Risiken der neuen Medikamente ein.

Robbie Williams hat mit der Abnehmspritze zwölf Kilogramm abgenommen, war aber nicht übergewichtig. War das riskant?

Die Medikamente wirken auch bei Menschen unterhalb der Schwelle für Übergewicht. Sie wurden aber bisher nur bei Übergewichtigen getestet. Sie dürfen bei Personen mit Adipositas erst dann eingesetzt werden, wenn vorherige Bemühungen zur Gewichtsabnahme durch Ernährungsumstellung und Bewegungssteigerung erfolglos geblieben sind. Wegen möglicher Nebenwirkungen muss dies ein Arzt prüfen. Leider hat der Hype nach der Einführung der Medikamente dazu geführt, dass viele Menschen die Medikamente auch ohne diese Kriterien eingesetzt haben.

Wie schätzen Sie die Nebenwirkungen ein?

Die Magen-Darm-Nebenwirkungen wie Übelkeit und Erbrechen treten bei 30 bis 40 Prozent der Patienten auf. Daher wird empfohlen, mit einer niedrigen Dosis zu beginnen und diese nach Verträglichkeit schrittweise zu steigern. Bei anderen möglichen Nebenwirkungen wie Schilddrüsenkrebs oder Depression ist noch nicht klar, ob sie mit dem Medikament zusammenhängen. Da die Medikamente die Darmmotorik verlangsamen, wurden auch Nebenwirkungen auf Gallenblase und Darmbeweglichkeit bis hin zum Darmverschluss berichtet. Ein weiteres Problem ist, dass einige Anwender keinen Hunger mehr verspüren und deshalb in einen Zustand der Mangelernährung geraten. Auch deshalb ist eine medizinische und Ernährungs-Betreuung notwendig.

Gibt es Spätfolgen?

Die Medikamente sind erst seit Kurzem auf dem Markt und die klinischen Studien hatten nur einige tausend Teilnehmer. Es kann also durchaus sein, dass bei breiterer und ungezielterer Anwendung und über Jahre hinweg Nebenwirkungen auftreten, von denen wir heute noch keine Kenntnis haben.

Ist man, wenn der Körper sich an die Spritzen gewöhnt hat, lebenslang auf sie angewiesen?

Die Studien zeigen eindeutig, dass das Gewicht nach Absetzen des Medikamente wieder ansteigt, sodass von der Notwendigkeit einer dauerhaften Anwendung auszugehen ist. Das gilt für alle Medikamente dieser Art in gleicher Weise. Durchaus denkbar ist aber, dass nach maximalem Gewichtsverlust für die Phase der Gewichtserhaltung die Dosis verringert oder gestreckt werden kann, was aber noch nicht in Studien geprüft wurde.

SUSANNE SASSE

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