In der BFW-Wundambulanz checkt Thomas Fürstberger mit Wundmanagerin Yvonne Rohmer die Befunde. © BFW
München – Durchblutungsstörungen werden von den Betroffenen oft unterschätzt, bedauert Thomas Fürstberger, Geschäftsführer der BFW-Wundambulanzen. „Viele arrangieren sich mit den Einschränkungen und halten die Probleme so gut wie möglich verborgen“, sagt Fürstberger. Dieses Verhalten gab der Schaufensterkrankheit ihren Namen: Muskeln im Unterschenkel sind bei den Betroffenen wegen Durchblutungsstörungen unterversorgt. Wenn sie sich bewegen, schreit der Muskel vor Schmerz. Um dies zu kaschieren, stoppen die Betroffenen bei jedem zweiten Schaufenster und tun so, als würden sie die Auslage bewundern. In Wirklichkeit aber warten sie, bis die Schmerzen wieder verschwinden und gehen dann weiter, als sei nichts geschehen. „Mit diesem verbreiteten Verhalten schaden sich die Betroffenen mehr, als sie ahnen“, warnt Gefäßchirurg PD Dr. Tobias Traeger.
Gefäßkrankheiten haben massive Auswirkungen darauf, wie alt wir werden. „Langfristig haben Gefäßkrankheiten sogar schlechtere Prognosen als Krebs“, sagt Prof. Jörg Heckenkamp, Chef der Deutschen Gesellschaft für Gefäßmedizin und Gefäßchirurgie (DGG). So verkürze beispielsweise die Schaufensterkrankheit die Lebenserwartung um zehn Jahre. Insofern sei es ratsam, hier frühzeitig eine Therapie zu beginnen und zugleich auch nach den Ursachen zu schauen. Um Durchblutungsstörungen frühzeitig feststellen zu können, kommt es entscheidend darauf an, dass die Betroffenen ihre Symptome ernst nehmen und sich früh melden.
Durchblutungsstörungen können durch verstopfte Arterien aber auch durch schadhafte Venen entstehen. Arterien transportieren sauerstoffreiches Blut vom Herzen in den Körper. Venen führen das Blut zurück. Auf folgende Dinge müssen sie achten:
■ Die arterielle Durchblutungsstörung
Bekommen Muskeln wegen Arterienschäden nicht genügend frisches Blut, sind sie unterversorgt. Im Bein kann dies bei Belastung zu Wadenschmerzen wegen Sauerstoffmangels führen. Die sogenannte Schaufensterkrankheit, bei der die Betroffenen immer wieder stehen bleiben, verkürzt die Lebenserwartung um zehn Jahre, warnt Prof. Jörg Heckenkamp, Chef der Deutschen Gesellschaft für Gefäßmedizin und Gefäßchirurgie.
Eine Unterversorgung mit arteriellem, also frisch durch das Herz gepumptem Blut, kann verschiedene Ursachen haben. Meist ist jedoch Arteriosklerose, also Ablagerungen in den Schlagadern, das Problem. Diese Ablagerungen sind einerseits eine Alterserscheinung, andererseits werden sie durch Rauchen, Cholesterin, Diabetes und Bluthochdruck stark begünstigt. Die Unterversorgung mit frischem Blut kann sich bemerkbar machen, indem die Haut blass aussieht, kribbelt oder taub wird. Im schlimmsten Fall stirbt das unterversorgte Gewebe ab. In der Fachsprache spricht man von der peripheren arteriellen Verschlusskrankheit (PAVK). Sie tritt meist in den Beinen und deutlich seltener in den Armen auf. Sind auch innere Organe von Durchblutungsstörungen betroffen, kann dies sogar zu Schlaganfall oder Herzinfarkt führen.
■ Die venöse Durchblutungsstörung
Verengte Venen und geschwächte Klappen in den Blutgefäßen, die das Blut zurück zum Herzen transportieren, machen sich beispielsweise durch schwere und geschwollene Beine bemerkbar. Ebenso weisen dunkle Flecken an den Unterschenkeln auf Rückflussstörungen hin. „Oftmals denken die Menschen fälschlicherweise, es handle sich um Altersflecken, aber dabei ist die wahre Ursache, dass sich rote Blutkörperchen wegen der Rückflussstörung ablagern und so die dunklen Flecken verursachen“, sagt Wundambulanz-Geschäftsführer Thomas Fürstberger. Eine weitere Gefahr von verengten Venen ist die Bildung von Thrombosen. Blockiert ein Blutpfropfen (Embolus) den Blutfluss, wird der betroffene Bereich rot, warm, schwillt an und reagiert empfindlich auf Druck. Das betroffene Bein hochzulagern, kann kurzfristig helfen, doch sollte unbedingt zügig ein Arzt aufgesucht werden. Der Blutpfropfen kann sich lösen und sich in lebenswichtigen Organen wie dem Herzen, dem Gehirn oder der Lunge festsetzen. Bei venösen Durchblutungsstörungen hilft unter anderem Kompression, etwa durch Kompressionsstrümpfe.
■ Der diabetische Fuß
Wer ein Steinchen im Schuh nicht mehr spürt, sollte ebenfalls zum Arzt: Wer kaum oder keine Schmerzen mehr in Füßen verspürt, hat oft geschädigte Nervenbahnen. Das diabetische Fußsyndrom ist tückisch, warum erklärt PD Traeger folgendermaßen: Es hat seine Ursache in der Zuckerkrankheit – und über die Jahre hinweg schädigt der Zucker die Nerven. Mit der Folge, dass die Betroffenen kleine Verletzungen nicht oder kaum spüren. Da häufig auch eine Durchblutungsstörung gegeben ist, ist meistens auch die Heilung gestört. Die Betroffenen nehmen kleine Verletzungen nicht ernst und begünstigen so ungewollt die Entstehung chronischer Wunden. Deshalb legen Mediziner Diabetikern die regelmäßige Fußpflege und -kontrolle ans Herz.
■ Wann sind Schmerzen normal, wann nicht?
Ein schneller Wechsel von heiß zu kalt – etwa das Eisbad nach der Sauna, schmerzt in den Beinen, Ebenso ein Wechsel von kalt zu heiß – Sie wärmen nach dem Skifahren die kalten Zehen an der Heizung. Diese Schmerzen wegen extremen Temperaturwechseln sind normal, erklärt GefäßchirurgTraeger. Aber im Alltag, wenn man beispielsweise auf einer Fußbodenheizung geht, darf das eigentlich nicht schmerzen. Tun sie es doch, sollten die Betroffenen ihre Gefäße checken lassen. Fallen Zehennägel ab oder fehlen die Härchen auf den Zehen, kann mangelnde Durchblutung die Ursache sein. SUSANNE SASSE