Kuckuckskinder – warum Tiere fremdgehen

von Redaktion

Monogam oder sie wird krank: Hummelkönigin. © Kästle/dpa

Vater wider Willen: Romulus (re.) mit seiner Leyla im Wildpark Hanau. © Michael Bauer/dpa

Schimpansenmütter müssen ihr Baby vor männlichen Artgenossen schützen. © Torben Weber/dpa

Blaumeisen bei der Brutpflege: In jedem zweiten Nest sitzt ein fremdes Junges. © Julius Kramer/MPI für biologische Intelligenz

Landsberg am Lech – Hochbetrieb am Meisenhaus, das ist in vielen Gärten gerade wunderschön zu beobachten: Die Elternvögel fliegen ein und aus, haben immer einen Leckerbissen im Schnabel. Sie sind von früh bis spät damit beschäftigt, den laut rufenden Nachwuchs satt zu kriegen. Doch nicht wenige Väter stecken ihre ganze Energie darein, die Jungen eines fremden Männchens großzuziehen. Seitensprünge im Tierreich sind nicht selten, neue Forschungsergebnisse bringen Licht ins geheime Liebesleben der Meisen.

■ Ältere bevorzugt

15 Jahre lang hat ein Forschungsteam um Dr. Bart Kampenaers vom Max-Planck-Institut für biologische Intelligenz in einem Waldstück bei Landsberg in 277 Nistkästen die dort lebenden Blaumeisen beobachtet: Mithilfe von DNA-Analysen zeigte sich, dass fast die Hälfte der Nester mindestens ein Ei enthielt, das von einem fremden Männchen befruchtet worden war. Allerdings bevorzugten die Weibchen offenbar ältere Partner beim Seitensprung: Von den einjährigen Männchen schafften es nur 13 Prozent, ein Kuckucksei zu legen. Bei den älteren Männchen waren es immerhin 40 Prozent. Vor Beginn der 16. Brutsaison fingen die Forscher 184 und damit fast alle älteren Männchen und ließen sie 30 Kilometer entfernt in einem anderen Wald frei. Nun waren die Jüngeren mit 33 Prozent deutlich erfolgreicher! Warum die Weibchen, wenn sie die Wahl haben, ältere Männchen bevorzugen, ist nicht bekannt. Meist wird die Dame gleich in der Nachbarschaft fündig: Sie fliegt heimlich in den frühen Morgenstunden aus und liegt wieder brav im Nest, wenn der Vogelmann aufwacht.

Auf jeden Fall geht Bart Kampenaers davon aus, dass der Seitensprung Vorteile bietet: Die Weibchen bekommen eine Chance, die genetische Vielfalt ihres Nachwuchses zu erhöhen. Männchen geben ihre Gene an mehr Nachkommen weiter – ohne sich um die zusätzliche Brutpflege kümmern zu müssen.

■ Viele Väter als Vorteil

Schimpansenmännchen sind nicht zimperlich: Sie greifen Jungtiere an, die nicht von ihnen stammen. Um die Überlebenschancen ihres Nachwuchses zu erhöhen, hat die Schimpansin daher mit möglichst vielen Männchen aus ihrer Gruppe Sex. Kurz vor der Geburt verlässt sie die Gruppe und bringt ihr Jungtier möglichst unbeobachtet zur Welt. Kommt sie dann mit dem Jungtier später zurück zur Gruppe, könnte jedes Männchen der Vater sein und sie werden sich friedlich verhalten.

Bei Wölfen hilft die ganze Familie bei der Aufzucht der Welpen. Sie gelten als sehr treue Tiere. Umso größer war jetzt die Überraschung im Wolfsgehege Hanauer Wildpark Alte Fasanerie. Weibchen Leyla brachte Ende April vermutlich acht Jungtiere zur Welt. Das galt als unmöglich: Partner Romulus wurde sterilisiert – zur Sicherheit sogar zweimal. Er scheidet als Vater aus. Eine DNA-Analyse, abgenommen beim nächsten Impftermin, wird in den kommenden Wochen das Leylas Techtelmechtel entlarven. Möglich, dass es sich nicht bei allen drei anderen Wölfen im Gehege um Weibchen handelt. Wildparkbiologin Marion Ebel schmunzelt: „Vielleicht haben wir uns bei der Geschlechtsbestimmung geirrt.“ Doch der gehörnte Romulus kümmere sich so gut um die Welpen, wie es auch ein leiblicher Vater nicht besser könnte: „Ich nehme an, dass Lyla ihm das Gefühl gibt, der Vater der Welpen zu sein“, sagt sie.

■ Liebe mit dem Feind

Zebramangusten sind angriffslustig und verteidigen energisch ihr Revier. Was die Männchen nicht ahnen: Die weiblichen Anführerinnen der Gruppe zetteln manchmal Schlachten mit einem Nachbarclan an, um sich im Kampfgetümmel mit dem Feind zu paaren. Verhaltensforscher Rufus Johnstone von der Uni Cambridge hat dieses Verhalten in Uganda untersucht. Die Mangusten leben in einem engen Familienverband. Zwangsläufig würde es zur Inzucht kommen: Die kriegerische Liebesstrategie sorgt für frische Gene. Die so gezeugten Jungtiere seien schwerer und hätten während der ersten Lebensmonate eine höhere Überlebensrate.

Auch bei der Fledermausart Große Hufeisennase dreht sich alles um das Überleben des Nachwuchses. Um den Zusammenhalt der Familie zu stärken, paaren sich Oma, Mutter und Tochter bevorzugt mit demselben Männchen. Das stärkt die sozialen Bindungen der Kolonie, so das Naturkundemuseum in Chemnitz.

■ Frieden stiften

Bonobos gelten als große Pazifisten unter den Primaten: Im Gegensatz zu Schimpansen bevorzugen sie stets friedliche Konfliktlösungen mit bekannten wie fremden Artgenossen: Durch soziale Handlungen wie Fellpflege bis hin zum intimen Kuscheln. Jedes Tier hat täglich mehrere wechselnde Partner. Ihnen geht es also nicht in erster Linie darum, sich erfolgreich fortzupflanzen, sondern um ein harmonisches Leben.

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