Ein Intensivpatient wird künstlich beatmet. © epd
Köln – Deutschland beatmet weitaus mehr Patienten als andere Länder mit ähnlich entwickeltem Gesundheitssystem. Dabei ist jedoch die Krankenhaussterblichkeit mit 43,3 Prozent sehr hoch, wie auch die Kosten mit insgesamt sechs Milliarden Euro jährlich. Dies zeigt eine neue in der renommierten Zeitschrift „Lancet“ veröffentlichte Studie. DSie sorgt nun für Diskussionen:
„Friedlich zu Hause sterben ist für viele Menschen nicht mehr die Realität – sie liegen oftmals in den Kliniken“, resümiert Prof. Wolfram Windisch, Chefarzt der Lungenheilkunde am städtischen Klinikum Köln und Präsident der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin (DGP). „Jeder zehnte Deutsche stirbt sogar beatmet im Krankenhaus.“ Es sei auffällig, dass vor allem hochaltrige Patienten sehr häufig auf den Intensivstationen beatmet würden, aber dennoch versterben. „Wir müssen uns deshalb die Frage stellen, ob wir ethisch und medizinisch das Richtige tun, wie auch gesellschaftlich-ökonomisch und die überraschen hohen Zahlen diskutieren“, überlegt auch Prof. Matthias Kochanek, Leiter der Intensivmedizin am Uniklinikum Köln und Präsident der Deutschen Gesellschaft für Internistische Intensivmedizin und Notfallmedizin (DGIIN).
Pneumologen und Intensivmediziner müssten sich ernsthaft die Frage stellen, ob man die richtigen Patienten beatmet, plädieren Windisch wie Kochanek. Fallzahlen, Mortalität und Kosten, so sagen beide, hätten sie in dieser Höhe doch überrascht. „Wir müssen uns auch die Frage nach dem Warum gefallen lassen“, sagt der DGIIN-Präsident. Beatmung bringe Geld in die Klinik. „Haben wir also so viele Beatmungsbetten, weil die Patienten sie brauchen? Oder brauchen wir so viele Patienten in diesen Betten, damit sich die Klinik finanzieren kann?“, fragt Windisch.
Gleichzeitig sei Deutschland Schlusslicht bei der Tabakprävention, so der DGP-Präsident. Und Tabakkonsum sei einer der größten Risikofaktoren für viele und schwere Herz- wie auch Lungenerkrankungen – die Hauptgründe für Beatmung auf Intensivstationen in Deutschland. Denn auch in puncto Erkrankung liegen die Daten vor. „Wir sind also in einem ganz ungünstigen Spagat: Wir verhindern die Krankheiten nicht, die wir dann aber maximal mit allem, was geht, behandeln“, so Windisch – und fragt, ob es nicht andersherum deutlich besser wäre.
SVS