Glatteis-Stürze: Die bitteren Folgen

von Redaktion

Künstliches Hüftgelenk: Prof. Palm setzte seinem Patienten eine zementfreie Totalendoprothese (TEP) ein.

Gefürchtete Verletzung: Herbert Zopp brach sich den Oberschenkelhalsknochen.

Nach einem Oberschenkelhalsbruch operiert: Herbert Zopp (links) mit seinem Unfallchirurgen Professor Hans-Georg Palm im Klinikum Ingolstadt. © Fotos (3): Klinikum Ingolstadt

Einen Moment lang nicht aufgepasst – und schon ist es passiert: Derzeit stürzen auf eisigen Straßen und Gehwegen viele Fußgänger und Fahrradfahrer. © Foto: Panther Media

Ingolstadt – Tagsüber oft Sonne, nachts klirrende Kälte, die den Matsch wieder zu Packeis gefrieren ließ – diese Winterwetter-Kombi wurde in den letzten Wochen vielen Fußgängern und Radfahrern zum Verhängnis. Herbert Zopp, ehemaliger Vorstand der Volks- und Raiffeisenbank Bayern Mitte, erwischte es direkt vor der eigenen Haustür. Er wollte morgens gegen 11 Uhr die wenigen Schritte zu seiner Garage gehen. „Der Weg ist leicht abschüssig. Er war spiegelglatt. Doch noch bevor ich das Eis bemerkt habe, bin ich auch schon ausgerutscht. Es passierte in Sekundenbruchteilen.“ Zopp landete auf dem Rücken. „Ich konnte mein rechtes Bein nicht mehr bewegen.“

Mehrere Autofahrer hielten an, um dem Sturzopfer zu helfen, einer klingelte bei Zopps Ehefrau Roswitha, die sofort den Rettungsdienst alarmierte. Am Telefon riet die Leitstelle dazu, den Patienten nicht zu bewegen oder gar ins Haus zu tragen – eine Vorsichtsmaßnahme, um im Falle einer Verletzung beispielsweise an der Wirbelsäule noch schlimmere Folgen zu verhindern. Aus diesem Grund trafen die Helfer auch binnen weniger Minuten mit einer sogenannten Schaufeltrage am Unfallort ein. Diese lässt sich in der Mitte teilen und von beiden Seiten sanft unter den Körper des Unfallopfers schieben, sodass größere Bewegungen und Erschütterungen vermieden werden.

Wie sich kurz darauf im Klinikum Ingolstadt herausstellte, war die Wirbelsäule zwar glücklicherweise nicht stärker lädiert, stattdessen allerdings der Oberschenkelhalsknochen. „Bei der körperlichen Untersuchung zeigte sich neben Schmerzen ein verkürztes und nach außen gedrehtes Bein. Das ist ein typisches äußeres Zeichen für einen Schenkelhalsbruch“, berichtet Professor Hans-Georg Palm, der Direktor des Zentrums für Orthopädie und Unfallchirurgie. Darin werden nahezu täglich Sturzopfer aus dem gesamten Großraum Ingolstadt behandelt. „Auf der Fahrt in die Klinik hatten die Sanitäter bereits befürchtet, dass der Oberschenkelhalsknochen gebrochen ist. Bei der Röntgenuntersuchung hat sich diese Diagnose dann leider bestätigt“, erinnert sich Zopp. In der Notaufnahme war die Hölle los, darunter reihenweise Sturzopfer. „Die Ärzte und Pflegekräfte haben kaum noch gewusst, wo sie uns alle zwischenparken sollen.“

Bereits am nächsten Morgen kam Zopp unters Messer – trotz der vielen Unfallopfer und der Hochkonjunktur in den Operationssälen. Der Hintergrund: Seit dem vergangenen Jahr sind die Kliniken dazu verpflichtet, Patienten mit einem Oberschenkelhalsbruch binnen 24 Stunden zu operieren – so sieht es eine Vorschrift mit dem zungenbrecherischen Namen Richtlinie zur Versorgung der hüftgelenknahen Femurfraktur vor. Diese Brüche im rumpfnahen Oberschenkelbereich sind die häufigste Ursache stationärer Krankenhausaufenthalte von Patienten im Alter von über 64 Jahren. Die neue Richtlinie ist vom Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) besiegelt worden, der bei der Organisation des Tagesgeschäfts im deutschen Gesundheitswesen praktisch das letzte Wort hat. Von der Vorgabe erhofft sich der G-BA weniger Komplikationen durch lange Liegezeiten bei den meist hochbetagten Schenkelhals-Patienten – beispielsweise Thrombosen, die in tödlichen Lungenembolien enden können.

Jeder dritte Rentner fällt einmal im Jahr hin

Etwa 30 Prozent der Senioren in Deutschland stürzen einmal im Jahr, schätzt das Bundesministerium für Gesundheit. Etwa 120 000 Rentner erleiden jedes Jahr einen Oberschenkelhalsbruch mit oft gravierenden Folgen: Nach einem Sturz sinkt die Lebensqualität häufig dramatisch. Die Betroffenen haben Angst vor weiteren Stürzen, benötigen Pflege und ziehen sich zurück. Ein erheblicher Anteil der Sturzopfer kommt gar nicht mehr auf die Beine und verliert seine Selbstständigkeit.

Deshalb wird in modern geführten unfallchirurgischen Zentren wie in Ingolstadt auch größter Wert auf eine möglichst frühe Mobilisation der Patienten gelegt. Dies gilt insbesondere für Fälle, in denen ein künstliches Hüftgelenk eingesetzt worden ist – was nach Oberschenkelhalsbrüchen im Seniorenalter sehr oft geschieht. Auch Herbert Zopp bekam eine Totalendoprothese (TEP), sie konnte ohne Zement im Knochen verankert werden. „Diese Methode hat unter anderem Vorteile für etwaige spätere Prothesenwechsel“, erläutert Operateur Palm gegenüber unserer Zeitung.

Physiotherapie, um rasch fit zu werden

Sein Patient Herbert Zopp hat bereits mit der Physiotherapie begonnen und hofft, dass er schnelle Fortschritte erzielt. „Durch die Verletzung hat man enorme Einschränkungen. Momentan brauche ich noch bei jedem Schritt und Tritt Unterstützung. Deshalb will ich so schnell wie möglich wieder auf die Beine kommen und spätestens im April wieder topfit sein“, erzählt Zopp. Zum einen, weil er in diesem Monat Geburtstag hat. Und zum anderen, weil sich der lebenslustige ehemalige Bankmanager (Bilanzsumme fünf Milliarden Euro) leidenschaftlich gerne mit Blüten aller Art beschäftigt: „Ich liebe die Gartenarbeit. Deshalb freue ich mich schon wieder auf den Frühling.“

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