Darmkrebs trifft Männer etwas öfter als Frauen. Jedes Jahr erhalten mehr als 60 000 Menschen in Deutschland die Schock-Diagnose. © Science Photo Library
Erfahrung aus mehr als 50 000 Darmspiegelungen: Privatdozent Dr. Holger Seidl. © Fotos: Sigi Jantz
München – Im Kampf gegen Darmkrebs erzielt die Medizin große Fortschritte. Immer mehr Patienten überleben länger als früher oder können sogar geheilt werden. Dabei spielt die moderne Molekulardiagnostik eine zentrale Rolle. Die Hoffnung aus dem Hightech-Labor hat einen etwas sperrigen Namen: Molekulardiagnostik. Sie entschlüsselt den Gen-Code des Tumors und ermöglicht dadurch effektive, auf den Einzelfall abgestimmte Therapien. Die Behandlungschancen werden immer besser – mitunter sogar bei Metastasen. So nennt man Tochtergeschwulste des Krebsherdes auch in anderen Organen. In unserer Zeitung erklärt ein Darmkrebs-Spezialist die ermutigende Entwicklung.
Spricht man vom Darmkrebs, so sind damit bösartige Tumore des circa eineinhalb Meter langen Dickdarms gemeint. Der drei bis sechs Meter lange Dünndarm ist so gut wie nie von Krebsleiden betroffen. Eine Besonderheit stellt Darmkrebs des Enddarms dar. Letzterer – in der Fachsprache Rektumkarzinom genannt – gilt als besonders gefürchtet, weil manche Patienten oft neben OP und Chemotherapie einen künstlichen Ausgang brauchen. Umso hoffnungsvoller stimmt eine wissenschaftliche Studie, die spektakuläre Behandlungserfolge bei Patienten mit speziellen Rektumkarzinomen dokumentiert: Alle Studienteilnehmer konnten mit Immuntherapien geheilt werden, weil ihre Tumoren ein besonderes genetisches Merkmal aufwiesen. In der Fachsprache wird es Mikrosatelliteninstabilität genannt.
Große Erfolge durch Immuntherapien
„Ein mikrosatelliteninstabiler Tumor birgt eine Reihe von genetischen Schäden in sich. Dadurch wäre er eigentlich sehr auffällig für das Immunsystem. Der Tumor bleibt aber unbehelligt, weil er sich unter einer Art Tarnkappe versteckt. Diese Tarnkappe wird durch die Immuntherapie entfernt. In der Folge kann das Immunsystem den Tumor mit voller Wucht angreifen und vernichten“, erklärt Privatdozent Dr. Holger Seidl, Gastroenterologe und Darmkrebs-Spezialist im Münchner Isarklinikum.
Der Behandlungserfolg bei Patienten mit diesen speziellen Rektumkarzinomen ist ein Paradebeispiel dafür, welche Chancen die moderne Molekulardiagnostik bei Krebs bietet. Schon länger werden fünf bis sechs Tumormarker unter dem Mikroskop getestet, dieses Vorgehen ist heute bereits Standard. Doch seit etwa zwei Jahren bezahlen die Krankenkassen jedem Tumorpatienten auch eine Multi-Genanalyse. „Dabei werden teilweise mehr als 400 Tumorgene bestimmt. Das Verfahren zielt darauf ab, zu ermitteln, wo genau der Tumor Angriffsfläche bietet“, erläutert Seidl. Der Hintergrund dieser Strategie: In der Onkologie wächst das Wissen über einzelne Tumormerkmale im Express-Tempo, im Schlepptau der Grundlagenforschung kommen stetig neue zielgerichtete Medikamente auf den Markt. Die Multi-Genanalyse versetzt die Spezialisten unter anderem in die Lage, auch moderne Arzneimittel einzusetzen, die sich bereits bei anderen Krebsarten bewährt haben. So könnte bei einem Darmkrebspatienten möglicherweise auch ein Präparat anschlagen, das bislang beispielsweise eher bei Magen- oder Brustkrebs eingesetzt wird – weil bestimmte Merkmale der unterschiedlichen Tumoren identisch sind. „Wir bekommen immer neue Waffen in den Köcher und können immer mehr Menschen mit immer weniger Nebenwirkungen helfen“, erläutert Seidl.
Werden die modernen Medikamente auf der Basis einer Multi-Genanalyse verordnet, übernehmen in Deutschland die Krankenkassen in der Regel die Kosten – sie liegen meist bei vielen tausend Euro. „Das Ermutigende an den Fortschritten in der Tumordiagnostik ist, dass bei uns auch gesetzlich versicherte Patienten davon profitieren. Wir haben einen hohen Standard bei der Behandlung von Krebspatienten in Deutschland. Darauf können wir trotz teilweise berechtigter Kritik an unserem Gesundheitssystem stolz sein“, analysiert Seidl.
Umso wichtiger sei es, dass so viele Menschen wie möglich auch die Chancen zur Früherkennung von Darmkrebs konsequent ausschöpfen. Vorsorge beginne mit einem Gespräch in der eigenen Familie, so der Gastroenterologe. „Wenn Verwandte ersten Grades – also Eltern oder Geschwister – bereits an einem kolorektalen Karzinom erkrankt sind, ist das persönliche Risiko um mehr als das Vierfache erhöht.“ Das ergab eine sogenannte Metaanalyse, in die 20 Studien eingeflossen sind. Dabei hat sich die erbliche Vorbelastung als mit Abstand wichtigster Risikofaktor bei jüngeren Patienten herauskristallisiert. Umgekehrt gilt, dass mithilfe der Humangenetik immer mehr Risikofaktoren enttarnt werden können – unter anderem für verschiedene Krebsarten, aber auch andere Krankheiten, die vererbt werden können. „Wenn jemand eine genetische Veranlagung für gesundheitliche Risiken hat, können wir rechtzeitig Vorsorgeuntersuchungen empfehlen. Voraussetzung ist, dass der Patient die Initiative ergreift und frühzeitig zum Arzt geht.“
ANDREAS BEEZ