Software mit KI hat einen Polypen erkannt und markiert.
Vorsorgekoloskopie: Bilder der Darmschleimhaut werden auf einen Monitor übertragen. © Foto: Patrick Pleul/dpa
München – Um die Darmspiegelung ranken sich viele Mythen. Aber was kommt bei dieser Untersuchung wirklich auf die Patienten zu? Privatdozent Dr. Holger Seidl vom Münchner Isarklinikum hat bereits über 50 000 solcher Vorsorgekoloskopien vorgenommen. Hier beantwortet der Direktor der Klinik für Gastroenterologie, Hepatologie und Gastroenterologische Onkologie zehn häufige Fragen.
1. Was bringt eine Darmspiegelung?
Neben Hautkrebs, Brustkrebs und Prostatakrebs gilt Darmkrebs als Tumorart, die sich durch regelmäßige Vorsorgetermine sehr oft frühzeitig erkennen oder sogar verhindern lässt. Er entsteht in mehr als 90 Prozent der Fälle aus Vorstufen an der Darmwand, sogenannte Polypen. In München ist etwa jeder zehnte Mensch betroffen. Diese Polypen können im Rahmen einer Darmspiegelung – in der Fachsprache Vorsorgekoloskopie genannt – entdeckt und sehr häufig auch gleich entfernt werden. Anschließend werden die Polypen im Labor untersucht. Je nach Gefahrenpotential sollte man nach drei oder fünf Jahren erneut zur Darmspiegelung gehen. So lässt sich Darmkrebs durch regelmäßige Darmspiegelungen in den allermeisten Fällen vermeiden,
2. Wie gefährlich ist eine Darmspiegelung?
Das Risiko einer schweren Komplikation ist äußerst gering. So liegt die Gefahr, dass der Darm bei der Untersuchung perforiert, also durchlöchert wird, und in einer Not-Operation geflickt werden muss, bei unter 1: 10 000.
3. In welchem Alter und wie oft sollte man zur Vorsorgekoloskopie gehen?
Die erste Darmspiegelung sollte – wenn zuvor keine Beschwerden aufgetreten oder erbliche Risikofaktoren bekannt sind – ab einem Alter von 50 Jahren erfolgen. Falls Polypen entfernt werden müssen, schickt der Arzt diese hinterher ins Labor und lässt sie auf ihre Gefährlichkeit hin analysieren. Danach richtet sich, ob der Patient nach drei oder erst nach fünf Jahren wieder zur nächsten Darmspiegelung kommen muss. Wird kein Polyp oder eine andere Auffälligkeit gefunden, steht der nächste Termin erst nach zehn Jahren wieder an. In den USA beträgt dieser Abstand übrigens nur fünf Jahre. In Deutschland übernehmen die Kassen die Kosten für dieses kürzere Intervall nicht – es sei denn, der Arzt kann die Maßnahme begründen.
4. Wie läuft die Untersuchung ab?
Am Vorabend trinkt man spezielle Lösungen, um den Darm zu reinigen. Diese Getränke sind nicht gerade ein Genuss, sie schmecken allerdings längst nicht mehr so widerlich wie früher. Man muss auch nicht mehr so viel davon trinken wie früher, sollte sich allerdings nach wie vor in der Nähe einer Toilette aufhalten. Die Untersuchung selbst erfolgt unter einer oberflächlichen Sedierung. Der Patient schläft. Er atmet selbst, wird nicht beatmetet. Mit einem biegsamen Schlauch, der Endoskop genannt wird, inspiziert der Arzt den gesamten Darm. Eine Mini-Kamera überträgt die Bilder aus dem Inneren des Organs auf einen Bildschirm. Durch einen sogenannten Arbeitskanal können Mikrowerkzeuge eingeführt werden, zum Beispiel kleine Drahtschlingen. Um alle Polypen zu erkennen, nutzen viele Ärzte auch Künstliche Intelligenz. Entsprechende Computerprogramme, die im Hintergrund der Untersuchung mitlaufen, schlagen selbst bei winzigen Krebsvorstufen Alarm. Nicht selten wird die Darmspiegelung auch mit einer Magenspiegelung kombiniert – beispielsweise dann, wenn hartnäckige Verdauungsbeschwerden bestehen.
5. Ist man während der Untersuchung unter Narkose alleine mit dem Arzt im Raum?
Nein. Die Intimsphäre des Patienten wird in hohem Maße beachtet. Nach der Vorgabe der Behandlungsleitlinie müssen neben dem Arzt zwei weitere Mitarbeiter im Raum sein – sowohl während der Untersuchung als auch in der Aufwachphase.
6. Wie lange dauert die Darmspiegelung?
Die Untersuchung selbst dauert kaum länger als eine Viertelstunde – es sei denn, es müssen eine Reihe von Polypen entfernt werden. In der Regel verbringt der Patient maximal zwei bis drei Stunden in der Praxis bzw. Klinik.
7. Ist eine Darmspiegelung schmerzhaft?
Nein. Der Patient bekommt nichts davon mit. Die Narkose (Sedierung) wird so gesteuert, dass er vorher einschläft und erst danach aufwacht. Hinterher kann es allenfalls zu einem leichten Blähgefühl kommen.
8. Wie lange darf man hinterher nichts essen?
Der erste Kaffee geht sofort nach dem Aufwachen, unmittelbar nach der Untersuchung darf man wieder ganz normal essen.
9. Muss ich mich von der Darmspiegelung abholen lassen?
Ja, das ist Vorschrift und auch sinnvoll, weil die Reaktionsfähigkeit durch die Narkose noch eingeschränkt sein kann. Man darf deshalb am Behandlungstag nicht selbst Auto fahren.
10. Muss man für eine Darmspiegelung Urlaub nehmen?
Nein. Die Vorbereitung mit den Flüssigkeiten zur Darmreinigung macht man am Vorabend zu Hause. Für den Untersuchungstag erhält man in Deutschland eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung. Am nächsten Tag ist man wieder voll arbeitsfähig.
ANDREAS BEEZ