Club-Logo mit Symbolkraft: Hand in Hand für die gute Sache.
Ein starkes Team: Chris wird unterstützt von Trainerin Elisabeth Höh (pinke Jacke) sowie vom gemeinnützigen Deutsch-Amerikanischen Frauenclub, hier verteten von Angela Uthoff (hinten) und Karin Behringer (ganz links).
Spaß am Sport und an der Bewegung in der Natur: Chris trainiert im Golfclub München Aschheim. Ein Spezialgefährt namens Pargaolfer bringt ihn trotz seines Handicaps in die perfekte Position. © Fotos: Achim Frank Schmidt
Aschheim – Die Nachmittagssonne taucht den Golfpark München Aschheim in warmes Licht. Auf der Driving Range – einem Übungsbereich am Rande des Platzes – übt eine kleine Gruppe Golfer ihre Schläge – vom kräftigen Abschlag bis zur feinen Technik. Und mittendrin: Chris. Der 29-Jährige sitzt in einem Paragolfer, einem elektrisch angetriebenen Spezialgefährt. Mit wenigen Handbewegungen manövriert er das Fahrzeug über den Rasen. Es sieht ein wenig aus wie ein geländegängiger Rollstuhl – doch dieser kann mehr. Der Paragolfer bringt seinen Nutzer sanft in eine nahezu stehende Position, indem er den Oberkörper anhebt und stabilisiert. Das ist entscheidend, um die komplexe Schwungbewegung beim Golf überhaupt ausführen zu können. Chris fixiert den Ball, der vor ihm auf dem Rasen liegt. Er holt aus, schwingt mit ruhiger Präzision – und der Ball zischt in hohem Bogen durch die Luft. Ein leichtes Lächeln umspielt seine Lippen. Für Chris ist dieser Moment mehr als Sport. Es ist Ausdruck von Freiheit, Kraft – und einem Weg zurück ins Leben.
Denn was für andere nach einem ganz normalen Golfschlag aussieht, ist für Chris ein kleiner Triumph. Denn Chris lebt mit einer seltenen angeborenen Erkrankung namens Arthrogryposis multiplex congenita (AMC) – einer Muskel- und Gelenkfehlbildung, die seine Bewegungsfreiheit stark einschränkt. Dass er heute mit ruhiger Hand und gestähltem Oberkörper Golfschläge trainiert, ist das Ergebnis jahrelangen Durchhaltevermögens – und der entscheidenden Begegnung mit einer Frau, die für viele Menschen mit Handicap zu einer Hoffnungsträgerin geworden ist: Elizabeth Höh. „Golf hat mich schon als Kind fasziniert“, erinnert sich Chris. „Ein Bekannter nahm mich mal mit auf den Platz, da war ich zwölf oder 13. Aber ich dachte, mit meiner Behinderung sei das für mich ausgeschlossen.“ Tatsächlich ist bei ihm vieles anders: Seine Gelenke sind seit der Geburt steif, Bewegungen, die für andere selbstverständlich sind, verlangen ihm enorme Kraft, Konzentration und Balance ab.
2017 musste er sich mehreren schweren Operationen unterziehen – ein Einschnitt, der ihn körperlich und seelisch an seine Grenzen brachte. „Ich musste beispielsweise Gehen komplett neu lernen. Das war eine schlimme Zeit. Ich war oft einsam, suchte eine Aufgabe, etwas, das mich wieder aufbaut.“ Über eine Internetsuche stieß er auf den Golfclub Aschheim – und auf Elizabeth Höh.
„Ich habe mich lange nicht getraut, anzurufen“, erzählt Chris. „Aber irgendwann im Winter habe ich mir gesagt: Jetzt nimmst du allen Mumm zusammen!“ Er sprach auf die Mailbox von Golftrainerin Elizabeth Höh. Sie meldete sich prompt zurück und organsierte ein erstes Treffen. Bei diesem war dann auch Kerstin Schulz dabei, die Inklusionsbeauftragte des Golfclubs Aschheim, die selbst körperlich eingeschränkt ist Chris erinnert sich: „Ich war total aufgeregt, als ich auf den Parkplatz fuhr. Alles war fremd – die Leute, der Ort, die Situation.“ Doch Kerstin Schulz begleitete ihn zur Trainerin. Und die Begegnung veränderte sein Leben. „Am Anfang ging wenig“, sagt Chris ehrlich. „Ich habe den Ball nicht immer getroffen, und wenn, flog er nur ein paar Zentimeter. Aber ich wollte dranbleiben. Ich wollte so gut werden, dass ich in der Gruppe mitmachen kann.“ Heute ist er Teil der Trainingsgruppe der sogenannten „Handicap Stars“, die Elizabeth Höh aufgebaut hat. Er ist stolz: „Ich habe Muskeln aufgebaut, bin körperlich stabiler und habe viel Selbstvertrauen gewonnen. Golfen macht mich sehr glücklich.“
Elizabeth Höh ist nicht irgendeine Proette, wie Golftrainerinnen in der Fachsprache genannt werden. Seit den frühen 2000er-Jahren widmet sie einen Großteil ihrer Arbeit dem inklusiven Golfsport. Ihren Weg begann sie mit dem Projekt „Bogey Golfer“ – einem Vorreiterprogramm für Menschen mit Handicap. Ein Wendepunkt war die Begegnung mit dem querschnittsgelähmten Golfpionier Anthony Netto, der den ersten Paragolfer entwickelte – jenes Spezialfahrzeug, das Chris und vielen anderen Golfern mit Mobilitätseinschränkungen das Spiel im Stehen ermöglicht.
„Man muss verstehen, dass sich Inklusionssport nicht nur um Technik dreht“, sagt Höh. „Ich arbeite eng mit Orthopäden, Neurologen und Physiotherapeuten zusammen, um die körperlichen Voraussetzungen meiner Schüler zu kennen.“ Sie betont, wie wichtig fundierte Spezialausbildungen seien – etwa um zu wissen, welche Bewegungen förderlich sind und welche etwa bei Gelenkkontrakturen wie bei Chris vermieden werden müssen. „Ich sehe, wie Golf Menschen verändert. Wie sie aufblühen, sich wieder in Gemeinschaft bewegen.“
Chris ist ein Musterbeispiel dafür. Neben seiner Physiotherapie trainiert er den Oberkörper im Kraftraum, schwimmt regelmäßig – und fährt jede Woche rund eine Stunde mit seinem umgebauten Auto von Wolfratshausen nach Aschheim. „Es ist weit, aber es ist es mir wert.“ Und auch wenn er an Inklusionsturnieren bisher nur vorsichtig teilnimmt, hat er sich über die Platzreife – den „Führerschein des Golfspielens“ – offiziell für den Golfplatz qualifiziert. „Ich will mich nicht blamieren und noch besser werden, bevor ich mehr Turniere spiele. Aber bei einigen war ich schon“, sagt er.
Besonders mag er am Golf, dass man in der Natur ist, zur Ruhe kommt. „Und ich liebe die Herausforderung: Ich kann etwas schaffen, mich verbessern – trotz meiner Einschränkungen“, so der 29-jährige Sportler. Dass er heute eine aufrechtere Haltung, spürbare Kraft und neue Lebensfreude hat, verdankt er seinem Willen, einer großartigen Trainerin – und einer Umgebung, die ihm Raum gibt zu wachsen.
Dass der Golfclub Aschheim solche Entwicklungen ermöglichen kann, ist auch dem Engagement des Deutsch-Amerikanischen Frauenclubs München (GAWC) zu verdanken. Dessen Inklusions-Golfturnier findet jährlich im Golfpark München Aschheim statt. Die Schatzmeisterin und zugleich Chairlady des Inklusionsgolfturniers, Angelika Uthoff, selbst Sonderpädagogin mit Fokus auf körperliche Entwicklung, hat eine klare Vision „Wir wollen durch das Turnier nicht nur Aufmerksamkeit schaffen, sondern auch konkrete Hilfen finanzieren.“
2025 etwa soll von den Spendengeldern ein elektrischer Golf-Trolley angeschafft werden – ein kleiner motorisierter Wagen, der Golfschläger transportiert und das Spiel für Menschen mit eingeschränkter Mobilität enorm erleichtert. „Inklusion heißt: Niemand soll sich am Rand fühlen müssen“, sagt Uthoff. „Und Golf ist ein wunderbares Beispiel dafür, wie man Sport und soziale Teilhabe vereinen kann.“
Chris hat noch viele Ziele. „Ich will besser werden und anderen Mut machen, sich etwas zu trauen.“ Dass er das kann, beweist er mit jedem Schwung auf der Driving Range. Elizabeth Höh steht oft an seiner Seite, korrigiert sanft die Haltung, lobt, spornt an. „Chris hat eine Entwicklung gemacht, die mich tief beeindruckt“, sagt sie. „Er ist ein Beispiel dafür, wie Sport Lebensqualität schenkt – im körperlichen wie im seelischen Sinn.“
SUSANNE HÖPPNER
Der direkte Draht
Wer Interesse am Inklusionsgolfen im Golfpark München Aschheim hat, kann sich gerne bei diesen Ansprechpartnerinnen melden :
Inklusionsbeauftragte Kerstin Schulz: 0171 / 3 83 33 86
Proette Elizabeth Höh:
0172/ 8 92 14 21