Ellen Zachmann (81) steht trotz Parkinson immer noch in ihrem Kosmetikstudio und arbeitet. © Jens Hartman
Enges Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patient: Dr. Urban Fietzek (re.) im Gespräch mit einem Patienten. © Marcus Schlaf
München – Es beginnt schleichend – eine steife Schulter, ein leichtes Zittern in der Hand, plötzliche Schlafprobleme oder Stimmungstiefs. Was viele zunächst für harmlose Alterserscheinungen halten, kann der Beginn einer der häufigsten neurodegenerativen Erkrankungen sein, die in Deutschland 400 000 Menschen betrifft: Die Parkinsonkrankheit. Der auf Parkinson spezialisierte Neurologe PD Dr. Urban Fietzek, Oberarzt an der Schön Klinik München Schwabing und Dozent an der Universität München, erklärt, wie Patienten heute behandelt werden – und welche Therapien in Zukunft Hoffnung machen.
Was passiert im Gehirn?
„Parkinson ist bis heute eine klinische Diagnose, das bedeutet, dass sie anhand der auftretenden Symptome gestellt wird“, erklärt Dr. Fietzek. „Aber wir verstehen inzwischen sehr gut, was im Gehirn passiert.“ Eine zentrale Rolle spielt dabei das Eiweiß Alpha-Synuclein. Dieses Eiweiß, fachsprachlich auch Protein genannt, kommt natürlicherweise im Gehirn vor, kann sich jedoch unter bestimmten Bedingungen falsch falten und verklumpen. „Die verklumpten Proteine lösen dann eine Art Kettenreaktion aus“, so Fietzek. „Betroffene Nervenzellen, vor allem solche, die Dopamin produzieren, sterben dann vorzeitig ab.“ Besonders betroffen ist dabei die sogenannte Substantia nigra, eine tief im Hirn gelegene Region. „Die dort entstehenden Dopaminmängel führen zu den typischen Symptomen: Zittern, Steifheit, Bewegungsverlangsamung und -verarmung.“
Wer ist besonders gefährdet?
„Das Risiko steigt deutlich ab einem Alter von 60 Jahren“, sagt Dr. Fietzek. Männer sind etwas häufiger betroffen. Aber auch externe Einflüsse spielen eine Rolle: Kontakt zu Pestiziden oder Lösungsmitteln ist ein nachgewiesener Risikofaktor. „Parkinson ist bei Landwirten in Europa als Berufskrankheit anerkannt.“ In rund 15 Prozent der Fälle spielen genetische Faktoren eine Rolle – doch das bedeutet nicht automatisch Vererbung. „Meist wird nur das Risiko vererbt, nicht die Erkrankung selber, die sich erst in Kombination mit Umweltfaktoren zeigt.“
Neue Diagnosemethoden
„Die klinische Diagnose ist nach wie vor Standard – aber das ändert sich gerade“, sagt Dr. Fietzek. Neue Verfahren zur Erkennung der Krankheit im Blut oder Hirnwasser, sogenannte Biomarker, werden derzeit auch an der Ludwig-Maximilians-Universität in München entwickelt. Dies erlaubt es, die Krankheit womöglich schon lange vor den motorischen Symptomen wie Tremor und Bewegungsverarmung sicher zu erkennen. „Das ist vergleichbar mit einem Corona-PCR-Test – nur dass hier ein Protein statt eines Virus vermehrt und erkannt wird.“
Auch Künstliche Intelligenz hilft: Sie kann anhand von Tippverhalten an der Tastatur oder in den Bewegungsmustern in Beschleunigungsdaten von Smartwatches Anzeichen der Krankheit Jahre früher als der Patient selber erkennen oder im Verlauf helfen, motorische Schwankungen zu erkennen und zu behandeln.
Therapie heute
„Die wichtigste Substanz ist und bleibt Levodopa – das natürliche Vorläufermolekül von Dopamin“, so Fietzek. „Seit den 1970ern verbessert es Beweglichkeit, Tremor, Steifheit – in den ersten Jahren sogar so gut, dass Patienten beschwerdefrei sind.“ Doch das Medikament wirkt, je länger die Krankheit voranschreitet, zunehmend kürzer und muss schließlich mehrmals täglich genommen werden. Wer eine Dosis vergisst, spürt das sofort. Hier setzen Pumpensysteme an, die Levodopa kontinuierlich abgeben – über eine Sonde im Dünndarm oder unter die Haut. Für ausgewählte Patienten eignet sich auch die Tiefe Hirnstimulation: Elektroden im Gehirn erzeugen elektrische Impulse, die motorische Zentren stabilisieren.
Der ganze Mensch zählt
„Parkinson betrifft nicht nur die Beweglichkeit“, erklärt Dr. Fietzek. „Viele Patienten entwickeln im Verlauf Probleme mit der Blase oder dem Darmtrakt, schlafen schlecht oder leiden unter Ängsten.“ Diese nicht-motorischen Symptome sprechen nicht immer auf das Dopamin an und sind hartnäckiger zu behandeln – aber: „Wir haben Medikamente für fast alles: gegen Harndrang, Verstopfung, depressive Verstimmungen. Es ist wichtig, dass Patienten das wissen – und sich Hilfe holen.“
Bewegung als Medizin
„Bewegung ist das A und O“, sagt Dr. Fietzek. „Medikamente allein genügen nicht.“ Besonders erfolgreich: Parkinson-Komplextherapien, in denen Patienten stationär aktiviert werden. „Viele entdecken dort, dass sie wieder tanzen, laufen, sprechen können – wenn man sie richtig motiviert.“ Sein Rat: „Aktiv bleiben mit Sport, der einem Spaß macht. Egal ob tanzen, schwimmen oder joggen. Jeder nach seiner Façon – Hauptsache regelmäßig. Der positive Effekt von regelmäßiger körperlicher Aktivität auf einen abgemilderten Verlauf der Krankheit ist gut belegt.“
SUSANNE HÖPPNER