Bewegung hilft gegen Krebs

von Redaktion

Krebsvorbeugung an der frischen Luft: Mehrmals die Woche knapp eine Stunde zügig zu gehen senkt das Rückfallrisiko bei Darmkrebs um 30 Prozent, zeigt die Challenge-Studie. © Getty Images

München – Prävention bekommt eine immer größere Bedeutung. Mit der Challenge-Studie, die jüngst im New England Journal of Medicine veröffentlicht wurde, wird deutlich: Bewegung nach Krebs ist keine Option, sondern ein Muss. Gesundheitseinrichtungen, Reha-Kliniken und onkologische Versorgungszentren sind jetzt in der Verantwortung, Bewegungsprogramme systematisch in die Nachsorge zu integrieren, fordert der renommierte Münchner Krebs-Experte Prof. Volker Heinemann. Er erklärt im Interview, warum das so ist.

Warum spielt Bewegung heute in der Krebstherapie eine so zentrale Rolle – vor allem bei Darm- und Brustkrebs?

Studien zeigen, dass bis zu 40 Prozent der Krebserkrankungen durch eine gesunde Lebensweise vermieden werden können. Dabei spielt Bewegung eine zentrale Rolle. Unser Alltag ist von langem Sitzen geprägt – im Büro, zu Hause, im Auto. Dieser Bewegungsmangel führt nicht nur zu Übergewicht oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen, sondern hat auch direkte Auswirkungen auf das Krebsrisiko. Etwa neun Prozent aller Brustkrebserkrankungen und zehn Prozent aller Darmkrebsfälle in Europa gehen auf zu wenig Bewegung zurück.

Sport soll das Rückfallrisiko reduzieren und die Heilungschancen erhöhen?

Die Challenge-Studie wurde mit Darmkrebspatienten nach Operation und Chemotherapie durchgeführt. Diese sollten drei- bis viermal pro Woche jeweils 45 bis 60 Minuten zügig gehen. Das Ergebnis: Das Rückfallrisiko sank um rund 30 Prozent, das Gesamtüberleben war deutlich besser. Gleichzeitig kam es seltener zu Zweittumoren – etwa Brust-, Prostata- oder erneut Darmkrebs. Eine weitere Studie hat gezeigt, dass das allgemeine Krebsrisiko bei Menschen mit hoher Bewegungsaktivität um 26 Prozent niedriger liegt. Schon ab etwa 9000 Schritten pro Tag war ein deutlicher Schutzeffekt messbar.

Wie viel Bewegung empfehlen Sie konkret?

Zügiges Gehen über 45 bis 60 Minuten, drei- bis viermal pro Woche – oder täglich rund 9000 Schritte. Das sind aber nur Richtwerte. Die Bewegung muss zur individuellen Leistungsfähigkeit passen. Viele Patienten sind nach einer Krebsdiagnose geschwächt, vor allem ältere. Deshalb sollte die Steigerung der Aktivität immer in Absprache mit dem behandelnden Arzt erfolgen. Wichtig ist: Jede Form von Bewegung hilft – zur Vorbeugung, in der Therapie und zur Rückfallvermeidung.

Welche Sportarten eignen sich besonders – und von welchen raten Sie ab?

Alles, was sich gut in den Alltag integrieren lässt, ist geeignet: zügiges Gehen, leichtes Joggen, Radfahren, Schwimmen oder moderates Krafttraining. Wichtig ist, dass es Freude macht und regelmäßig ausgeführt wird. In der Challenge-Studie gab es auch ein Verhaltenstraining – also eine Art Coaching, das half, neue Routinen zu etablieren. Von Sportarten mit hohem Verletzungsrisiko oder starker Belastung ohne fachliche Begleitung raten wir ab.

Kann man auch während einer Chemotherapie Sport treiben?

Ja, aber immer angepasst an die aktuelle körperliche Verfassung, denn nicht jeder kann während einer schweren Chemotherapie die Bewegungsempfehlung umsetzen. Viele Patienten leiden unter Fatigue, einer starken Erschöpfung, die jede Bewegung schwer macht. Doch gerade hier ist Bewegung ein Ausweg. Entscheidend ist die Motivation. Selbst kurze Spaziergänge oder sanftes Training, Yoga oder Atemübungen können helfen, diesen Zustand zu überwinden. Wichtig ist: Kein Leistungssport, aber moderate Aktivität – auch während der Therapie. In der Studie begannen viele Patienten mit dem strukturierten Bewegungsprogramm zwei bis sechs Monate nach der Chemotherapie. Das ist ebenfalls ein sinnvoller Zeitpunkt.

Welche Effekte beobachten Sie bei Patienten, die während der Therapie aktiv bleiben?

Diese Patienten fühlen sich meist insgesamt besser – körperlich wie seelisch. Sie berichten von besserem Schlaf, mehr Energie, weniger Nebenwirkungen und einer höheren Lebensqualität. Auch die Therapien werden oft besser vertragen. Bewegung signalisiert dem Körper, dass er nicht aufgibt – das hat auch psychologisch eine große Wirkung.

Können auch typische Nebenwirkungen wie Schlafstörungen oder Fatigue durch Bewegung gebessert werden?

Ja, eindeutig. Schlafstörungen sind bei Krebspatienten häufig und gehen oft mit Konzentrationsstörungen, Tagesmüdigkeit und verminderter Leistungsfähigkeit einher. Die Lebensqualität leidet darunter enorm. Bewegung ist eine der wirksamsten Maßnahmen dagegen – ebenso gegen Fatigue. Sanfte, aber regelmäßige körperliche Aktivität kann hier viel bewirken.

Gibt es auch Situationen, in denen Sie zur Vorsicht raten?

Wenn Bewegung Schmerzen verursacht oder Beschwerden verschlimmert, sollte man pausieren und die Ursachen ärztlich abklären lassen. Bei metastasiertem Krebs muss vorher sichergestellt sein, dass das Knochengerüst stabil ist. Auch bei starkem Gewichtsverlust ist Geduld gefragt, weil Muskelkraft erst langsam wieder aufgebaut werden muss. Aber grundsätzlich gilt: Wer sich belastbar fühlt und ärztlich begleitet wird, profitiert fast immer.

Welche Angebote gibt es für Krebspatienten in München?

Sowohl am LMU Klinikum (unter Leitung von Prof. Theurich) als auch an der TU München gibt es spezialisierte Programme. Auch das Patientenhaus des Comprehensive Cancer Center (CCC) München an der Pettenkoferstraße vermittelt Bewegungstherapien. Informationen findet man auf unserer Website oder über die Bayerische Krebsgesellschaft.

Ihre wichtigste Botschaft an Patienten, die unsicher sind, ob sie sich während oder nach der Behandlung körperlich betätigen sollen?

Bewegung ist kein Zusatz, sondern ein fester Bestandteil der Krebstherapie. Studien zeigen klar: Wer sich bewegt, lebt länger und hat bessere Chancen, den Krebs zu überstehen. Es ist nie zu spät, anzufangen.

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