Darm-Alarm: Die neuen Krankmacher

von Redaktion

Diese Frau hat quälende Bauchschmerzen. Doch längst nicht immer steckt ein Reizdarm dahinter. © Foto: Smarterpix

Gesundheitsgefahr aus dem Kühlschrank: Fertiggerichte und Lebensmittel mit vielen Zusatzstoffen können der Darmgesundheit massiv schaden. © Foto: Smarterpix

München – Das Wissen über Darmerkrankungen wächst im Expresstempo. Die Vorteile für die Patienten: eine bessere Diagnostik, effektivere Medikamente und schonendere Operationen. Auch bei der Vorsorge gibt es neue, jedoch eher erschreckende Erkenntnisse: Noch immer unterschätzen viele Verbraucher den negativen Einfluss einer ungesunden Ernährung. Sie nehmen mit dem Essen und Trinken schädliches Mikroplastik auf, das auch den Darm schädigen kann. Zudem stehen oft industriell stark verarbeitete Lebensmittel auf dem Speiseplan – darunter auch vermeintlich relativ gesunde Sachen wie Müsli, Cornflakes, Salatsoßen, Streichkäse, vegane Fertig-Burger oder Diät-Cola. Doch solche sogenannten ultraprozessierten Produkte erhöhen nicht nur das Darmkrebsrisiko, sondern können auch chronisch-entzündliche Darmerkrankungen (CED) wie Morbus Crohn und Colitis ulcerosa auslösen. Drei Spezialisten des Münchner Isarklinikums erklären die wichtigen Entwicklungen.

■ Ernährung

Das erhöhte Krankheitsrisiko durch Lebensmittel aus der Fabrik wird auf Mediziner-Kongressen derzeit rauf und runter diskutiert. Es rückt auch immer mehr in den Fokus der Darmspezialisten – nicht nur wegen der Krebsgefahr. Gastroenterologen sehen auch einen Zusammenhang mit Morbus Crohn und Colitis ulcerosa (siehe Kasten). Das sind zwar sogenannte Autoimmunerkrankungen, bei denen das irregeleitete Immunsystem fälschlicherweise den Darm als Feind erkennt und angreift. „Es gibt aber Trigger, die diesen Prozess auslösen oder den Verlauf der Erkrankung verschlechtern können, etwa Bakterien bei einem Infekt. Oder auch Bestandteile unserer Ernährung. Dazu zählen beispielsweise Mikroplastik auch aus Verpackungen, Konservierungsmittel und andere Zusatzstoffe, die oft in hoch raffinierter Kost stecken“, berichtet Privatdozent Dr. Holger Seidl, Darmspezialist und Chef der Gastroenterologie im Isarklinikum.

Vorsicht geboten ist unter anderem bei Fertigpizza, Mikrowellenprodukten, Snacks und Süßigkeiten wie Gummibärchen, Erdnussflips oder Chips, Soft- und Energydrinks, Eistee aus Pulver, Fleischwurst, Chicken Nuggets, Schokoaufstrichen oder Instant-Haferbrei. Solche Lebensmittel enthalten nach Einschätzung von Ernährungswissenschaftlern zu viel Zucker, Fett und Salz. „Sie sind kalorienreich, aber nährstoffarm. Der Sättigungseffekt ist meist gering, mitunter können künstliche Aromen sogar noch den Appetit anregen“, weiß Seidl: „Besser ist es, frisch zu kochen – am besten mit regionalen Zutaten, die nicht lange in Plastikverpackungen stecken.“ Sein Einkaufs-Tipp: „Schauen Sie bitte auf die Liste der Zusatzstoffe. Sind gleich mehrere aufgelistet, dann ist Skepsis angebracht. Eine lange Liste ist ein Warnzeichen.“

■ Diagnostik

Die Fortschritte sind enorm, vor allem moderne Genanalysen bewirken eine Art Quantensprung im Kampf gegen den Darmkrebs. Dabei untersuchen Laborspezialisten beispielsweise das Erbgut von Menschen, die ein erhöhtes Krebsrisiko haben, aber auch die Gene der Tumorzellen. Die Molekulardiagnostik entschlüsselt den Gen-Code des Tumors. „Der Mindeststandard ist, dass fünf bis sechs Tumorgene bestimmt werden. Aber moderne Kliniken machen in der Regel eine Multi-Genanalyse, bei der 300 bis 400 Gene gemessen werden“, erläutert Seidl. „Dieses Verfahren ermöglicht effektive, auf den Einzelfall abgestimmte Therapien. Die Behandlungschancen werden immer besser – mitunter sogar bei Metastasen“, sagt Seidl und macht den Patienten mit einem Studienergebnis Mut: „Vor 50 Jahren hatten Menschen mit metastasierten Darmkrebs noch eine Lebenserwartung von mehreren Monaten, heute sind wir bei mehreren Jahren – und wenn keine Metastasen vorhanden sind, sogar bei über zehn Jahren.“

■ Medikamente

Medikamente: Zu den entscheidenden Fortschritten gehören Biologika. Das sind Medikamente, die gezielt ins Immunsystem eingreifen. Sie können beispielsweise Teil einer Immuntherapie bei Krebs sein, werden aber auch bei chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen eingesetzt. Das erste Biologikum gegen CED kam bereits vor 26 Jahren auf den Markt, inzwischen gibt es zahlreiche noch bessere Nachfolgepräparate. „Sie sind extrem arm an Nebenwirkungen – vor allem im Vergleich zu Kortison, was früher standardmäßig verabreicht wurde“, weiß CED-Spezialist PD Dr. Maximilian Sohn, leitender Oberarzt der Chirurgie im Isarklinikum.

Operationen: Zwar sind Morbus Crohn und auch Colitis ulcerosa durch moderne Medikamente oft gut behandelbar. Aber gerade bei Colitis gibt es auch einige Patienten, die nicht oder zu wenig auf die Präparate ansprechen. „Diese Patienten können von der modernen Chirurgie profitieren, auch mithilfe der Robotik. Sie verfügen über minimalinvasive OP-Techniken, die eine gute Lebensqualität ermöglichen“, erläutert Sohn. „Heute ist in den allermeisten Fällen kein großer Bauchschnitt und auch kein künstlicher Darmausgang mehr nötig“, ergänzt Prof. Franz Bader, der Chef der Chirurgie im Isarklinikum. Und das, obwohl bei einigen wenigen Menschen mit Colitis sogar der gesamte Dickdarm entfernt werden muss. „Seine Funktion übernimmt der Dünndarm, den wir während der OP schonend verlagern. Dadurch kann der Patient den Stuhl halten. Er muss allerdings innerhalb von 24 Stunden durchschnittlich sechsmal zur Toilette gehen“, erläutert Sohn. „Auch Patienten mit Morbus Crohn kann eine minimalinvasive OP eine medikamenten- und beschwerdefreie Zeit ermöglichen.“ Der wichtigste Tipp der drei Darm-Spezialisten Seidl, Bader und Sohn: „Patienten mit Darmkrebs oder mit sehr komplexen Fällen von chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen sollten sich in einem interdisziplinären Zentrum behandeln lassen, in dem medikamentöse und operative Therapien eng abgestimmt werden.“

Artikel 4 von 4