Erfolgsgeschichte der minimalinvasiven Medizin: eine künstliche Herzklappe. © Foto: Gülland
Höchste Konzentration bei einem Kathetereingriff an der Herzklappe im Operationssaal de Deutschen Herzzentrums München: PD Dr. Hendrik Ruge (links) und Professor Markus Krane. © Foto: Dr. Elda Dzilic
München – Die Herzmedizin erzielt rasante Fortschritte: Spezialisten können auch Schwerkranken mit erhöhtem OP-Risiko helfen – insbesondere Patienten mit defekten Herzklappen. So wird immer öfter auch die Mitralklappe mit minimalinvasiven Katheterverfahren ersetzt. Wie effektiv diese Technik ist, kristallisierte sich in einer Studie unter Federführung von Privatdozent Dr. Hendrik Ruge heraus.
Nur ein kleiner Schnitt am seitlichen Brustkorb, keine Herz-Lungen-Maschine nötig – die Münchner Wissenschaftler stellten fest, dass diese minimalinvasiven Behandlungen ähnlich gute Ergebnisse liefern wie herkömmliche und belastendere OP-Verfahren. „Die per Katheter eingesetzten Mitralklappen funktionieren gut, zeigen keinen wesentlichen Verschleiß und werden nicht undicht“, berichtet Herzchirurg Ruge. Allerdings müssen manche Patienten nach dem Eingriff erneut ins Krankenhaus – wegen ihrer vorbestehenden Herzschwäche, die zu Wassereinlagerungen führen kann. Für ihren Vergleich haben die Herzspezialisten die Behandlungen von Patienten über den Zeitraum von einem Jahr ausgewertet.
Die neue Technik an der Mitralklappe ist das nächste Kapitel einer der größten Erfolgsgeschichten der Herzmedizin seit der Jahrtausendwende. Dabei zählt das Deutsche Herzzentrum München des TUM Universitätsklinikums zu den Pionieren. Sie führten das Katheter-Verfahren zunächst an der Aortenklappe 2007 ein. Hinter dem Fachbegriff Transkatheter-Aortenklappenimplantation (TAVI) verbarg sich damals eine Revolution. So konnte damals die Aortenklappe, die am häufigsten erkrankt, erstmals minimalinvasiv ohne offene OP ersetzt werden: mit einem Schlauch, der durch die Leistenarterie eingeführt wird. „In dessen Inneren kann eine auf kleinstes Packmaß zusammengelegte künstliche Klappe zum Herzen transportiert, dort entfaltet und verankert werden. Ein Schlüssel zum Erfolg waren Fortschritte bei bildgebenden Verfahren, die dank der Digitalisierung immer besser wurden“, erklärt Prof. Markus Krane, der Direktor der Klinik für Herz- und Gefäßchirurgie im Deutschen Herzzentrum.
Heute ist die TAVI-Technik bestens etabliert. „Davon profitieren insbesondere hochbetagte und schwer kranke Patienten, für die eine OP zu belastend bzw. zu riskant wäre“, so Krane. Vor einigen Jahren gelang es zudem, auch für die Mitralklappe ein Katheterverfahren zu entwickeln. Experten nennen das Prozedere Transkatheter-Mitralklappenimplantation (TMVI). Es könnte in Zukunft in einigen Fällen das Mitralklappen-Clipping ablösen. „Bei dem Clipping werden die beiden Segel der Mitralklappe mit einem Clip verbunden, der wie eine Klammer wirkt“, erklärt Krane.
Das Katheterverfahren für die Mitralklappe dürfte gerade für viele schwer kranke Patienten erhebliche Verbesserungen bringen. Denn mit dem Clipping lasse sich zwar die Funktion der Klappe wieder deutlich verbessern, aber keine hundertprozentige Dichtigkeit erreichen. Dagegen schließe die künstliche Klappe, die per Katheter eingesetzt werden kann, in der Regel perfekt, so Krane.
Die Studien-Ergebnisse seines leitenden Oberarztes für interventionelle Therapien struktureller Herzerkrankungen, PD Dr. Hendrik Ruge, liefern nun neue Argumente für die Katheter-Variante. „Die Symptome der Patienten verbessern sich deutlich“, berichtet Ruge. Neben der guten Haltbarkeit der Prothesen zeigt sich im Jahresvergleich auch eine gute Überlebensrate der Hochrisikopatienten von 80 Prozent – im Vergleich zu 86 Prozent bei Patienten, die konventionell operiert werden.
Beim Mitralklappenersatz per Katheter wird die Prothese nicht – wie im Falle der Aortenklappe – über einen dünnen Schlauch durch die Leiste gesetzt, sondern über einen etwas größeren Katheter über die Herzspitze. „Die Herzspitze erreicht man durch einen kleinen Schnitt zwischen den Rippen auf der linken Brustwandseite“, erläutert Herzchirurg Ruge das Procedere.
Herzklappenerkrankungen gelten vor dem Hintergrund unserer alternden Gesellschaft als große Herausforderung. „Das Risiko dieser Erkrankungen steigt mit dem Alter. Schon heute ist jeder achte Mensch über 75 Jahren betroffen, bei den über 80-Jährigen sogar jeder fünfte“, berichtet Ruge.
Inzwischen leiden allein in Deutschland bereits über 100 000 Patienten an einer Herzklappenerkrankung, bis 2030 werden es nach Expertenschätzungen etwa 121 000 Patienten sein. „Für einen erheblichen Teil der hochbetagten Menschen wäre eine offene Operation zu belastend und zu riskant“, berichtet Herzchirurgie-Chef Krane. „Für sie ist die Entwicklung der Kathetertechnik ein Segen.“