Seltener Falter: der hübsche Hecken-Wollafter. © Imago
Die Waldeidechse braucht naturnahe Lebensräume. © Imago
Startet gern aus dem Gebüsch: Mausohr. © Imago
Rotkehlchen suchen Schutz in Hecken. © Imago
Erdkröten verstecken sich im Unterholz. © Imago
LBV-Expertin Dr. Angelika Nelson. © LBV
Eine naturnahe Hecke besteht aus einheimischen Sträuchern und Bäumen, sie kann bis zu vier Meter breit sein und ist Lebensraum für viele Tiere. © Weller Helmut/LBV
München – Unter einer Hecke verstehen die meisten eine Abgrenzung ihres Gartens zur Straße hin oder zu den Nachbarn. „Das sind diese oft sehr schmal gehaltenen, einheitlich geschnittenen Gartenhecken – z. B. Thuja oder Kirschlorbeer“, sagte Angelika Nelson, Biologin beim LBV. „Aber eine naturnahe Hecke ist vielfältiger und sieht ganz anders aus. Sie besteht aus mehreren Reihen angelegter Sträucher und kleiner Bäume nebeneinander. Das kann bis zu vier Meter in die Tiefe gehen. Die Sträucher sind locker verteilt, man kann in eine Hecke sogar hineingehen. Die Pflanzen wachsen in verschiedenen Höhen, niedrige Sträucher am Rand, höhere Sträucher und kleine Bäume im Inneren.“
Was ideal wäre, kommt nur noch selten vor: eine echte Hecke aus heimischen Gehölzen wie Schlehe, Weißdorn, Pfaffenhütchen, Schneeball, Wildrosen, Holunder ist Lebensraum für so viele Tiere! Bis in den Sommer hinein sind das Nistplätze für Vögel, Insekten, Amphibien, Reptilien und Kleinsäuger. Hecken bieten Schutz und nun im Herbst jede Menge Nahrung mit Früchten und Beeren. Nach dem Bundesnaturschutzgesetz dürfen „Bäume außerhalb des Waldes, Hecken, lebende Zäune, Gebüsche und andere Gehölze in der Zeit vom 1. März bis zum 30. September nicht geschnitten, auf den Stock gesetzt oder beseitigt werden“ – was nun aber nicht heißen soll, dass am 1. Oktober das große Kettensägen-Massaker beginnen sollte! „Am besten schneidet man Hecken erst in der laubfreien Zeit im Spätherbst“, so Angelika Nelson. „Für uns Menschen sind Hecken im Herbst voller Sinneserlebnisse: das Leuchten der Beeren, der Geschmack einer Schlehe nach dem ersten Frost, das Rascheln der Blätter, der Herbstgesang von Rotkehlchen und Goldammer aus dem Dickicht“, schwärmt die Naturfreundin.
Man muss eine Lanze für die oft verkannten Sträucher brechen. Während die meisten der hochwüchsigen Baumarten auf die Ausbreitung ihrer Samen durch den Wind setzen, wie bei Fichte, Kiefer, Birke, Ahorn oder Linde, versuchen viele Sträucher durch auffällig gefärbte Früchte und Beeren Vögel anzulocken, die dann die Früchte verzehren und den Samen durch ihren Kot weit tragen. Herbstzeit ist Beerenzeit, sozusagen eine Win-win-Situation: Sträucher spielen durch ihre Früchte und Beeren eine wichtige Rolle bei der Ernährung vieler Vogelarten und umgekehrt spielen Vögel eine wichtige Rolle bei der Ausbreitung vieler Straucharten! „Und dann ist da der Neuntöter. Er nutzt dornige Sträucher, um seine Beutetiere – Käfer, Heuschrecken, auch Eidechsen oder Mäuse – aufzuspießen, um Vorräte für später anzulegen“, erklärt die Expertin.
Hecken sind hochwichtige Lebensräume, vor allem wenn am Rand noch Kräuter, Gräser oder Stauden wachsen dürfen. Wer diesen Saum und auch den Unterwuchs stehen lässt, und zwar Wildstauden wie Brennnesseln oder Disteln, schafft Strukturen für Erdkröte und Laubfrosch, letzterer in Bayern mittlerweile stark gefährdet. Die Waldeidechse versteckt sich in Hecken, vor allem wenn Blätter liegen bleiben. Was scheinbar „unaufgeräumt“ ist, was gemeinhin als „Unkraut“ gilt, kann bis zum Frühjahr Leben retten, wenn man es in Ruhe lässt. „Auch Fledermäuse fliegen auf ihrer abendlichen Jagd nach Insekten entlang von Hecken, da sich dort Nachtfalter, Mücken, Käfer und andere Insekten sammeln. Einige Fledermausarten wie das Braune Langohr oder das Große Mausohr sind ähnlich den Vogelarten Lauerjäger, hängen also in der Hecke, um von dort loszufliegen, um ein vorbeifliegendes Insekt zu erbeuten“, erläutert Nelson. Gerade diese Wesen der Nacht sind auf Hecken angewiesen.
„Besonders die Schlehe ist wichtig für so einige heimische Nacht- und auch Tagfalter“, sagt Simon Habermann, Ansprechpartner für das LBV-Projekt „Falter im Fokus“. Eine besonders schöne Nachtfalterart an der Schlehe ist der Mondvogel. Der Mondvogel ähnelt als erwachsener Falter einem abgebrochenen Stock und ist damit extrem gut getarnt. Besser zu entdecken sind die gelb-schwarzen und weiß behaarten Raupen, die man auch noch im Oktober sehen kann. „Der Pflaumen-Zipfelfalter braucht windgeschützte, warme Schlehenhecken und Pflaumenbäume. Er überwintert als Ei auf der Wirtspflanze, die Puppe sieht aus wie Vogelkot an einem Zweig. Der Kleine Schlehen-Zipfelfalter legt seine Eier nur an der Schlehe ab, meist in Zweiggabeln und an der Dornenbasis“, erklärt Habermann. Diese Tiere sind auf Gedeih und Verderb auf diesen Lebensraum angewiesen. Es sind 113 Schmetterlingsarten, die die Schlehe brauchen, die meisten kennt man wohl nicht mal beim Namen: Schlehen-Grünwidderchen, Baumweißling, Kupferglucke oder Gelbes Ordensband. Beim seltenen Hecken-Wollafter fliegen die nachtaktiven Falter sehr spät im Jahr noch – von September bis Oktober. Sie sind vom Aussterben bedroht wie viele Tiere, die keine Lobby haben.
Weitere Infos
LBV-Aktion Falter im Fokus: www.lbv.de/mitmachen/fuer-einsteiger/falter-im-fokus; www.lbv.de/ratgeber/lebensraum-garten/baeume-straeucher-und-hecken
Die LBV-Kreisgruppe Kempten setzt sich besonders für Hecken ein: www.lbv-kempten-oberallgaeu.de/hecken